Das Debüt 2016 – Bloggerpreis für Literatur: Meine Favoritin

Fünf Romane stehen auf der Shortlist für den Blogger-Debütpreis:

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran
Katharina Winkler: Blauschmuck
Sonja Harter: Weißblende
Philip Krömer: Ymir
Uli Wittstock: Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf

Meine Favoritin steht schon sehr lange fest und konnte auch durch die Lektüre der anderen Titel nicht verdrängt werden.
Ich stimme unbedingt für Shida Bazyar mit ihrem sprachlich und inhaltlich überzeugenden Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ aus dem Verlag Kiepenheuer & Witsch:

Nachts ist es leise in Teheran
Wie viel ich erfahre aus diesem Roman über ein Land, das mir ferner nicht sein könnte!
Es ist viel mehr als ein Nachrichtenbeitrag aussagt oder ein Sachbuch. Ich erfahre etwas über den Iran, weil Shida Bazyar es schafft, die Menschen in ihren Geschichten zu mir sprechen zu lassen. Es gelingt ihr, sie mir nahe zu bringen.

Shida Bazyar hat ihren Roman so angelegt, dass er sich in 4 Kapitel und einen kurzen Epilog unterteilt und in chronologischer Reihenfolge die Mitglieder einer iranischen Familie zu Wort kommen lässt. Dabei klingt jede der Erzählstimmen ganz authentisch und zur jeweiligen Zeit passend. Die Entwicklung von Generation zu Generation ist spürbar.
Die erste Stimme kommt aus dem Jahr 1979, dem Zeitpunkt kurz nach dem Sturz des Schah. Das Land ist im Aufbruch und alle Möglichkeiten scheinen offen zu stehen. Aus der Sicht eines jungen Lehrers namens Behsad wird dieses Kapitel erzählt. Er ist für eine neue kommunistische Ordnung, geht dafür auf die Straße, froh dass das Land vom Schah befreit ist. Doch sehr schnell sind die religiösen Geistlichen unter der Führung des aus dem Exil aufgetauchten Khomeni dabei, die Macht zu ergreifen (wunderbar aufgezeigt: Vorher waren viele junge Männer glattrasiert, weil nach Westen orientiert, nun sieht man immer mehr Vollbärte). So stürzt das Land sozusagen von einer Diktatur in die nächste. Die Gefängnisse füllen sich, es wird gefoltert, um Namen der Oppositionellen zu erfahren. Behsad versucht als Revolutionär mit seinen Freunden gegen zu steuern, doch muss er sich schließlich mit seiner jungen Familie verstecken, um nicht verhaftet zu werden. Eines Tages, als er von der Festnahme seines besten Freundes erfährt, beschließt er mit Frau und Kind das Land zu verlassen.

„[…] und Behsad und ich, wir sagen immer, Deutschland ist unser Exil, und mir kommt das Wort vor wie ein eingefrorener Zustand, in dem ich trotzdem noch versuchen soll, mich zu bewegen. Am Anfang passte alles, was ich hier tat, in dieses Wort, passte jede formschöne und geschmacklose Pfirsichfrucht unter die Glocke des Wortes, hörte ich mich jedes deutsche Wort sagen, als wäre es eingefroren, um aufzutauen, in späteren Zeiten.“

Die zweite Stimme ist die von Nahid, 10 Jahre sind vergangen, es ist das Jahr 1989. Sie ist Behsads Frau und muss sich nun in einer kleinen Stadt in Deutschland einleben. Nach den Strapazen der Flucht und dem Aufenthalt im Flüchtlingsheim ist für sie die kleine Wohnung ein Schutzraum. Behsad findet Arbeit. Sie wird erneut schwanger. Sie erhalten schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Nahid vermisst ihr Land, die Familie. Sie, die Literatur und die persische Sprache so liebt, muss nun die „harte“ Sprache Deutsch lernen. Die Kinder Laleh und Morad tun sich da sehr viel leichter in Schule und Kindergarten. Doch sie schafft es ihr Studium in Deutschland wieder aufzunehmen.

1999 hören wir die Stimme von Laleh, der Tochter. In dieser Stimme hören wir viel Zerrissenheit. Wo gehöre ich hin? Laleh hat noch einige Erinnerungen an die Familie in Teheran. Als die Frauen, mittlerweile ist noch die kleine Schwester Tara hinzugekommen, im Urlaub für 3 Wochen in den Iran reisen, zu einer Zeit, da die Regierung sich gerade einmal wieder etwas weltoffener zeigt, fühlt sie sich dort abwechselnd  wie zuhause und dann wieder sehr fremd. Ihr wird bewusst, welche Freiheiten sie als junge Frau in Deutschland hat, spürt aber andererseits die Verbundenheit mit den Traditionen des Heimatlands.

Im Jahr 2009 erzählt Mo, der Sohn. Er studiert, feiert Parties und hat einen multikulturellen Freundeskreis. Als an seiner Universität zu Demonstrationen gegen Studiengebühren aufgerufen wird, hört Mo auch gleichzeitig über die sozialen Medien von den Demonstrationen in Iran. Die grüne Revolution hat begonnen und Mos Interesse an seiner Herkunftsfamilie wird plötzlich geweckt. Doch die Hoffnung auf Veränderungen werden nicht erfüllt, die Regierung geht gegen die friedlichen Massenproteste schließlich wieder mit Gewalt vor.

Im Epilog ist es Tara, die jüngste Tochter, die wiederum Hoffnung schöpft, aufgrund der politischen Ereignisse. Es ist ein (utopischer?) Blick in eine aussichtsreichere Zukunft.

„Nachts ist es leise in Teheran“ ist ein solch gelungenes Debüt, dass man glaubt, die 1988 geborene Autorin schreibe schon immer: Sprachlich schön und so stimmig konstruiert, dass absolut nichts fehlt. Außer vielleicht noch einige Seiten mehr – ich war im Bann dieser Geschichte und hätte zu gerne noch weiter gelesen.

Nun bin ich gespannt, welche Auswahl die Kolleg/inn/en der Jury treffen. Und in der Tat sind alle Romane be-lohnenswert, so dass der Preis zweifellos auch bei den anderen Kandidaten in guten Händen ist.

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13 Gedanken zu “Das Debüt 2016 – Bloggerpreis für Literatur: Meine Favoritin

  1. Von diesem Buch habe ich jetzt schon einige Male gehört, nachdem es dich so begeistert hat (mehr noch als Winklers ,,Blauschmuck“, das ich schon großartig fand) möchte ich es jetzt auch einmal lesen. Mit dem Iran verbinde ich immer sehr erzählstarke, bildreiche, vielleicht auch blumige Geschichten. Für mein Leseauge ungewöhnliche Sprachbilder und Ideen. Gelehrt und gleichzeitig schön. Vielleicht ist das auch eine Art westlich angehauchter Exotismus, dann aber umso mehr ein Grund, mehr aus der Region zu lesen. Viele Grüße, Jana

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  2. Deine Rezensionen heben sich wohltuend von vielen anderen Buch Blogs ab. Lebendig geschrieben. Nicht wiederholend. Nichts von anderen übernommen und eine spannende Auswahl dazu. Mag ich immer wieder gerne lesen.

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