Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit S. Fischer Verlag

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„Als die Flotte Beijing an einem eiskalten, wolkenlosen Tag Ende November erreichte, glitzerten die entlaubten Bäume am Weg von der mit goldgelbem Brokat ausgelegten Mole ins Innere der größten Stadt der Welt unter Reifpelzen.“

Der englische Uhrmachermeister Cox wird von Qiánlóng, dem Kaiser von China nach Beijing gerufen. Der Auftrag: Er soll eine ganz besondere einzigartige Uhr für ihn erschaffen. Eine Art Perpetuum mobile …

Nach langer Fahrt mit dem Schiff von England nach China erhalten Cox und seine drei Gehilfen den Auftrag die Zeit einzufangen. Zur riesigen Uhrensammlung des Kaisers soll sich nun die Außergewöhnlichste hinzugesellen. Für Cox, der zuhause bereits mit dem Gedanken spielte, Pläne zeichnete, um ein Perpetuum mobile zu bauen, dem aber immer Zeit oder die Mittel fehlten, kommt diese Aufgabe wie gerufen. Er, der seine geliebte 5-jährige Tochter Abigail verlor, und damit auch seine junge Frau Faye, die seitdem nicht mehr sprach, stürzt sich auch aus Kummer und Trauer tief in die Arbeit. Zudem hat er die Vision, mit dem Bau der Uhr der Unendlichkeit seiner toten Tochter näher zu kommen und womöglich seine Frau wieder zum Sprechen zu bewegen …

„Denn anders als die Geburt eines Menschen war die Verwirklichung einer mechanischen Idee in ihrer gesamten Vielfalt begreifbar, kontrollierbar und kein Rätsel, kein Wunder wie ein Kind, das in Wahrheit doch bereits mit seinem ersten Atemzug wieder zu sterben begann.“

Der Autor schafft es beeindruckend den Größenwahn des Herrschers über das chinesische Reich zu verdeutlichen, die unbeschreibliche Grausamkeit und die Eitelkeit eines gottgleichen, ja Gott übertrumpfenden Wesens und in manchen Momenten aber auch dessen Verletzlichkeit und Gewöhnlichkeit zu zeigen. Ja, er wirft die Frage im Namen des Kaisers auf, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Zeit sein kann, je nachdem in welcher Situation man sich befindet und wie man diese individuelle Zeit messen könnte.

Ransmayr erschafft seine Romancharaktere aus tatsächlich existierenden Menschen: Der Engländer Cox (1723 – 1800), der in London ungewöhnlich schöne, ausgesprochen wertvolle Uhren erschuf. Und Qiánlóng, der Kaiser von China (1711 – 1799), der in der verbotenen Stadt gottgleich sein Volk regierte. Nur begegnet sind sie sich in Wirklichkeit nie. Doch gelingt es dem Autoren eine Geschichte zu erfinden, die durchaus Geschichte hätte schreiben können.

Aus der Zeit gefallen, märchenhaft und traumwandlerisch liest sich dieses Abenteuer dreier Engländer im Reich der Mitte, immer wieder unterbrochen, durch die grausamen Zeichen der Macht ihres Auftraggebers, des Kaisers. Ransmayrs Sprache gebührt großes Lob. Sie ist es, die diesen Roman trägt und hervorragend macht. In verschachtelten, nach allen Seiten wortreich wuchernden Sätzen trifft er genau die überbordende Art, die in Palästen und Pavillons des Kaisers vorherrscht. Eine Sprache, die den Leser zum Teil der Geschehnisse macht. Jedes Ticken der Uhren, das Vergehen der Zeit wird spürbar. So klar und genau, so unglaublich dicht und poetisch, dass es eine Freude ist. Ein Leuchten!

Der Roman ist mit einem wunderschönen glitzernden mit geprägten chinesischen Schriftzeichen versehenen Umschlag ausgestattet. Er erschien im S. Fischer Verlag.
Weiter Besprechungen finden sich bei Zeichen & Zeitenaus.gelesen und KulturErnten.

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2 Gedanken zu “Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit S. Fischer Verlag

  1. Selten geht es mir so wie mit diesem Buch. Begeisterte Rezension gelesen – muss ich haben! Darauf ein totaler Verriss – brauche ich doch nicht. Immer so hin und her. Dein Urteil lässt die Waagschale eindeutig nach „Muss ich doch noch lesen!“ kippen. Liebe Grüße!

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