Chinabox – Neue Lyrik aus der Volksrepublik Verlagshaus Berlin

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Hinter dem Titel Chinabox verbirgt sich eine umfangreiche Anthologie mit chinesischen Gedichten. Es sind Werke von 12 zeitgenössischen Autor_innen, mutige, frische Stimmen, meist abseits der langen Tradition asiatischer Dichtkunst. Die Lyrikerin und Sinologin Lea Schneider, mit einigen der Autor_innen bekannt, stellt uns eine vielfältige Auswahl vor, die fein und stimmig von Yimeng Wu illustriert wurde.

Wie man es vom Verlagshaus Berlin kennt, ist der Band, der in der Edition Polyphon zweisprachig erschien, ein kleines Buch-Kunstwerk. Jedem Autor ist ein Kapitel gewidmet, welches mit einer Grafik und Biografischem eingeleitet wird. Es folgen jeweils mehrere Gedichte. Dreht man das Buch um, und beginnt zu blättern findet man den gesamten Inhalt in chinesischer Sprache. Die beiden Buchteile werden wiederum getrennt durch zwei Tuschearbeiten von Yimeng Wu, einer chinesisch-deutschen Künstlerin und Designerin.

Lea Schneider stellt an den Anfang eine kleine hilfreiche „Gebrauchsanweisung“, die
Aufschluss über die Herangehensweise des Entstehens dieses Buches gibt, sowie am Ende ein Kapitel mit Anmerkungen zum Verständnis spezieller chinesischer Begriffe und Wendungen.

„Als Auswahlkritierien haben mir zwei Faktoren gedient: Einerseits wollte ich Autor_innen vorstellen, die bisher nicht oder kaum ins Deutsche übersetzt worden sind. Zweitens habe ich mich bemüht, Autor_innen auszuwählen, die repräsentativ für je eine Richtung in der chinesischen Gegenwartslyrik stehen können.“

Wie schwierig die Übersetzungsarbeiten waren, weil die chinesische Zeichensprache ganz anders funktioniert als die deutsche und Lyrik ohnehin nicht leicht übersetzbar ist, schilderte Lea Schneider bereits vor einiger Zeit im Verlagshaus, wo sie einigen Literaturbloggern ihr anspruchsvolles Projekt vorstellte. (Siehe auch Spreepartie). Mit Schneider zusammen übersetzten diesen Band Peiyao Chang, Daniel Bayerstorfer, Marc Hermann und Rupprecht Mayer.

Kennzeichnend für die zeitgenössische chinesische Dichtung scheint die Abgrenzung zu alten, vielleicht überholten Traditionen und das Aufflammen der eigenen Stimme, die jedoch, gerade wenn sie kritisch ist, einen Weg finden muss, die politische Zensur zu unterlaufen. Die Autor_innen dieses Bandes spannen einen weiten Bogen – vom Literaturkritiker bis zur Wanderarbeiterin, von experimenteller Lyrik über klassische Formen bis zum prosaähnlichen Fließtext. Es ist ein weites Feld, das es hier zu entdecken gibt … einem fremden Land durch dessen Lyrik zu begegnen, ist in der Tat eine schöne Idee.

Mein Lieblingsgedicht kommt von der 1972 geborenen Lyrikerin und Journalistin Lü Yue. Es heißt: „schlaf kann man nicht erben“. Es scheint mir ein guter Stellvertreter für das Lebensgefühl und die Befindlichkeit heutiger Generationen. Und so sehr unterscheidet es sich dann letztendlich nicht von dem unseren …

unsere eltern
schlafen ganz fest
kaum haben sie „ja“
oder „nein“ gesagt
geht das schnarchen los

unsere generation
findet kaum noch schlaf
selbst in frühlingsnächten
wälzen wir uns hin und her
fragen uns, gegenseitig und selbst
was richtig ist
ob wir das auch gemacht haben
wenn wir die augen schließen und leise sind
ist das auch nur ein trick
um möglichst schnell an die antwort zu kommen

auf der anderen seite der holztür
fangen unsere kinder
gar nicht erst zu schlafen an
ab und zu
packt sie ein lachanfall

„Chinabox“ erschien im Verlagshaus Berlin. Weitere Infos darüber hier.

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4 Gedanken zu “Chinabox – Neue Lyrik aus der Volksrepublik Verlagshaus Berlin

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