John Williams: Stoner dtv

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Zum zweiten Mal habe ich „Stoner“ nun gelesen. Zum ersten Mal 2013 gleich nach Erscheinen und nun, da es in meinem Lesekreis im „Reallife“ als Lektüre gewählt wurde. Schon beim ersten Lesen war ich mehr als begeistert von diesem Roman. Der Autor John Williams, 1922 in Texas geboren wurde nach langer Zeit wiederentdeckt: „Stoner“ war gleich ein Riesenerfolg. Zwei weitere Romane sind inzwischen wieder neu aufgelegt worden.

William Stoner, geboren Ende des 19. Jahrhunderts, lebt mit seinen Eltern in Missouri auf dem Land. Sie bewirtschaften einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb, von dem sich trotz harter Arbeit mehr schlecht als recht leben lässt. Als der Vater dem 19-jährigen vorschlägt, ein Landwirtschaftsstudium zu beginnen, um es einmal besser zu haben, besucht William eine Universität und gerät immer mehr in eine vollkommen neue Welt. Er entdeckt die Literatur.

Nur der vorgeschriebene Einführungskurs in die englische Literatur verstörte ihn auf eine Weise wie nichts zuvor.“

Schon während des geplanten 4-jährigen Studiums der Agrarwirtschaft wechselt Stoner das Fach. Fasziniert und angezogen, belegt er Philosophie und Literatur und entscheidet sich nach dem Abschluss nicht auf die Farm der Eltern zurückzukehren. Bald darauf unterrichtet er selbst die ersten Einführungskurse. Langsam übernimmt er mehr und mehr Kurse, promoviert und bleibt an der Uni von Columbia. Dort lernt er auf einer Feier Edith kennen, eine junge, schüchterne Person, die ihn sofort aufgrund ihrer Andersartigkeit anzieht. Er verliebt sich. Sie heiraten. Doch schon am Anfang, erkennt der Leser, dass für die beiden kein glückliches Beisammensein vorgesehen ist.

Edith verweigert sich ihrem Mann, später ihrer Tochter, ja eigentlich dem Leben. Stoner übernimmt jegliche Arbeiten im Haus zusätzlich zu seiner Dozententätigkeit an der Uni und kümmert sich von Anfang an fürsorglich um seine Tochter, während Edith sich apathisch zurückzieht. Doch Stoner wehrt sich nicht. Zudem verschuldet sich das Paar, weil Edith sich wünscht in einem eigenen Haus zu leben. Dann beginnt die unzufriedene launenhafte Edith ihm mehr und mehr die Tochter zu entziehen und ihn in jeder Hinsicht in die Enge zu treiben.

Stoners alter Mentor an der Universität stirbt und wird von einem neuen Professor namens Lomax ersetzt, der sich als schwieriger und durchtriebener Mensch erweist. Stoner, der sich immer mehr zu einer starken Lehrerpersönlichkeit entwickelt hat, traut sich einen von Lomax` Studenten durchfallen zu lassen, was zu bösem Blut führt. Lomax macht Stoner zu seinem persönlichen Feind und legt ihm fortan Steine in den Weg.

„Er hatte jene Phase in seinem Leben erreicht, in der sich ihm mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war.“

Bevor Stoner der Lebensmut gänzlich verlässt, passiert es: Die Beziehung zu einer Dozentin, die kurze Zeit an der Universität arbeitet, bringt Stoner eine Spur von ungeahntem Glück, doch auch dies wird ihm wieder aus den Händen gerissen. Das einzige was bis an sein Lebensende bleiben wird, ist die Hingabe an die Literatur, die Leidenschaft ein Gelehrter zu sein.

Das tragische an der Geschichte ist, dass Stoner vieles so hinnimmt, wie es kommt, dass so wenig Aufbruch und Wunsch nach Veränderung seiner Lebenssituation in ihm steckt. Selbst als ihm deutlicher wie nie, die Möglichkeit eines Neuanfangs vor Augen steht, entscheidet er sich pflichtbewusst und gegen das persönliche Glück. Das macht das Lesen dieser Geschichte nicht immer zum Vergnügen, möchte man Stoner doch so manches mal aus seiner Starre wach rütteln.

Und dennoch ist es ein großes Stück Literatur. Williams Sprache ist so klug und zeitweise so poetisch, dass man den oft erdrückenden Inhalt fast vergisst. Und es wendet sich direkt auch an den Leser: Wie steht es um dein persönliches Glück? Wie aktiv gestaltest du dein Leben?

„Stoner“ erschien bei DTV. Die Übersetzung kommt von Bernhard Robben. Informatives über Autor und Entstehung findet man hier.

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9 Gedanken zu “John Williams: Stoner dtv

  1. Ein ganz wunderbares Buch! Im Nachhinein frage ich mich, warum ich drei Anläufe gebraucht habe, um es endlich einmal komplett durchzulesen…

    In naher Zukunft nehme ich mir „Butcher´s Crossing“ vor, bevor ich mich dann – vielleicht – mal an „Augustus“ traue… 😉

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  2. Das ist einer meiner All-Time-Favs … Ich habe mich regelrecht verguckt in die Hauptfigur und sie steht vor meinen geistigen Auge, als ob ich gerade erst die Buchdeckel zusammengeklappt hätte. Butcher’s Crossing von Williams, das Du am Anfang Deiner Besprechung ansprichst, ist ganz anders, aber mich hat es auch gefangen nehmen können. Falls Du es noch nicht kennst … hier ein kleiner Link … hoffe, er ist nicht zu aufdringlich 😉
    https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2015/06/27/3594/
    Williams ist ein Meister, keine Frage. Danke fürs Erinnern. LG, Bri

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  3. Ich konnte leider nie damit umgehen, dass Stoner so agiert, wie du beschreibst, wenig Aufbruch, alles so hinnimmt und das im Buch für mein Gefühl nie als Schwäche dargestellt, sondern im Gegenteil regelrecht heroisiert wird. Das hat mir das Buch ziemlich verleidet. Ich weiß, mit der Meinung stehe ich ziemlich allein da.
    Dafür war „Augustus“ für mich ein echter Höhepunkt des letzten Lesemonats. Liebe Grüße, Petra

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  4. Ich schließe mich den vorherigen Kommentaren einfach mal an. „Stoner“ ist ein ganz großes Buch, man sollte es immer wieder empfehlen, und es ist ein Geschenk, dass die Werke von Williams wieder entdeckt wurden. Auch „Butchers Crossing“ hat mir sehr gut gefallen. viele Grüße nach Berlin

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