Ilma Rakusa: Impressum: Langsames Licht Literaturverlag Droschl

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Ilma Rakusa hat vor ein paar Tagen den Berliner Literaturpreis 2017 verliehen bekommen, der auch mit einer Gastdozentur in Berlin verbunden ist. Im „Haus der Poesie“ las sie aus ihrem neuen Lyrikband und unterhielt sich darüber mit dem Dichter Lutz Seiler. Nach langer Zeit gibt es also von Ilma Rakusa wieder Gedichte zu lesen. „Gedichte kommen, wenn sie wollen“ sagt sie, die auch Essays und Erzählungen schreibt. Für Lyrik aber, „atme sie anders“.  Rakusa ist halb Slowenin, halb Ungarin, lebt aber schon sehr lange in der Schweiz, mit einer kleinen Depandance in Berlin. Sie beherrscht viele Sprachen und übersetzte beispielsweise Marguerite Duras aus dem Französischen, Marina Zwetajewa aus dem Russischen und Péter Nádas aus dem Ungarischen.

Der Band „Impressum: Langsames Licht“ ist in sieben Kapitel unterteilt, deren Titel alleine mich schon ansprechen, ist es doch Essentielles, was da bedichtet wird. Die Kapitel werden jeweils mit einem Haiku eingeleitet:

„Abend aber lau
das Alleinsein lädt sich auf
macht keine Szene“

Im ersten Kapitel, überschrieben mit „Melancholien“, taucht Rakusa schon beim vorangestellten Haiku (siehe oben) in diese seltsame Stimmung ein. Doch ihre Melancholie speist sich hier vor allem aus der Natur, vielleicht ist sie dabei der beste Gefährte. Wie hier im Gedicht „Erster Schnee“:

„Kälte kam und das ausgerutschte Licht
leuchtete aus den Büschen,
verschneit…“

Aber auch mancher Blick auf die Menschen macht traurig: So stark das Gedicht „Streben oder Sterben“ über einen Obdachlosen – wie überhaupt auch Politisches oder Gesellschaftskritisches nicht ausgelassen werden in Rakusas Gedichten.

Im Kapitel „Orte“ ruft Rakusa Städte, Dörfer, Landschaften in ihr Bewusstsein und verdichtet sie. Dabei führt uns die neugierige Vielgereiste etwa von Lemberg über Odessa, Wien, Bukarest, Prag nach Berlin und weiter über den Nahen in den Fernen Osten. Geschehnisse, Beobachtungen werden wie Nahaufnahmen zu Gedichten gefasst, jedes erzählt eine kleine Geschichte der Welt.

“ … der Moment hat keine Meinung
er leuchtet und nimmt mich
freimütig auf bis ich merke
er hat mich umgetauft
Impressum: langsames Licht“

Sei es bei einem Blick ins Schaufenster oder unter der Weite einer Kirchenkuppel oder bei einem Bücherkauf im Antiquariat, später im Konfuziustempel und beim japanischen Flohmarkt. Die Worte fließen und schließen Vergangenheit, Geschichte mit ein.

Das dritte Kapitel mit dem Titel „Zeiten“ finden sich Gedichte, die auch einem Journal, einem Gedichttagebuch entnommen sein könnten, die sich durch Tages- und Jahreszeiten schlängeln … es sind oft Gedichte, die aus einer Innenschau, ja, auch hier, aus einer melancholischen Stimmung entstanden sein könnten.

„Endlich Regen gegen den Durst des Grases
grau stillt er Pilze Birken Kiefern
den Hohn der sommerfroh lachte
vorbei
das Licht wie verzagt
späht aus dem hinteren Kragen.“

Darauffolgend das faszinierende Kapitel „Dinge“, das mich staunen lässt, wie genau Rakusa Gegenstände und Dinge wahrnimmt und ganze Lebensläufe der Besitzer herausschreibt, welche Lebensgeschichten doch manch „Ding“ erzählt.
Jedes Gedicht im Kapitel „Bilder“ ist einer Person, einem/r Künstler/in gewidmet. Diese Gedichte sprechen von Farbe, vom Licht, vom Pinselschwung, wie überhaupt das Licht in sehr vielen Gedichten eine große Rolle spielt.
Im folgenden Kapitel „Hommagen“ lese ich Gedichte, die an die Dichterin Friederike Mayröcker, an den Schriftsteller Péter Nádas oder an den Regisseur AndrejTarkowskij gerichtet sind.
Als letztes das kurze Kapitel der „Träume. Wünsche“: am schönsten, auch weil am schlichtesten ist das „Gedicht gegen die Angst“ – ein Gedicht, wie eine Litanei, Wortstrom und Beschwörung, das so endet:

„… prüfe dein Herz
geh übers Feld
ruhe dich aus
rühr an die Welt.“

Rakusas beeindruckende Stärke einfache Momente, kurze Wahrnehmungen in Dichtung zu verwandeln lässt mich flüssig lesen. Diese Gedichte sind nicht statisch, sondern immer vorausschauend, vorausahnend. Sie gleitet auf ihrer Sprache geschickt durch Zeit und Raum und findet dabei oft das Wesen der Dinge.

Rakusas Lyrik ist unkompliziert bei großer Tiefe und Nachhaltigkeit. Es sind Texte, die keine besondere Symbolhaftigkeit benötigen. Alles Wichtige wird konkret benannt.

Impressum: Langsames Licht von Ilma Rakusa erschien im Literaturverlag Droschl. Eine Leseprobe gibt es hier .
Ihr Berlin-Journal „Aufgerissene Blicke“ , ebenfalls bei Droschl erschienen, habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen.

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