Gerrit Wustmann: Taksim Tango/Istanbul Bootleg Binooki Verlag

Passend zum Indiebookday und zum KAIROS-Preis 2017, den der Binooki-Verlag soeben erhalten hat – Glückwunsch! – sende ich heute eine Besprechung, die bereits vor einiger Zeit auf fixpoetry erschien. Zudem ist Gerrit Wustmanns Stimme eine passende zur politischen Situation in der Türkei.

Ich kenne Istanbul nicht. Ich war nie dort. Ich las Gerrit Wustmanns Gedichte über die Stadt. Und weiß doch noch immer nichts über Istanbul. Aber ich weiß, ich kann etwas von ihr finden in seiner Lyrik. Der Dichter weiß etwas über die Stadt. Er hat einige Jahre dort gelebt und ist ihr direkt begegnet. Die Erweiterung dessen sind seine Gedichte.

Wustmanns Istanbul-Gedichtzyklus umfasst drei Bände, die seit 2010 und im Zeitraum von fünf Jahren entstanden. Beyoglu Blues, Istanbul Bootleg und Taksim Tango. Liest man alle drei hinter- oder nebeneinander, entsteht eine Geschichte, liest man die Bände in der Reihenfolge des Entstehens zeigt sich Entwicklung. Es ist ein kleiner Ausschnitt aus der aktuellen Geschichte Istanbuls auf Basis der erlebten Eindrücke. Die Bewegungen der Stadt, gerade auch die politischen, werden deutlich, vor allem im dritten Band. Wustmanns Gedichte werden von Band zu Band kritischer. Der Dichter arbeitet reichlich mit Metaphern, Oft gibt erst die Begriffserklärung im Anhang Aufschluss. Doch wenn der Leser dann weiß, was es mit Pinguinen, Glühbirnen oder Töpfen und Pfannen auf sich hat, ergibt sich der Bezug zu den Ereignissen rund um den Gezi-Park. Die oft verwendeten türkischen Worte, die man nachschlagen muss, wenn man die Sprache nicht kennt, mögen zunächst hinderlich erscheinen, bereichern aber und verstärken die Stimmung. Und auch ohne dieses Wissen wirken die Gedichte. Denn über allem klingt die poetische Melodie des mit dem Rhythmus der Stadt verbundenen Autors.

Die Gedichte sind meist kurz und sehr dicht. Manche, besonders in Beyoglu Blues, erinnern schlicht an Haikus, manche sind reich an orientalischer Fülle. Die Worte vielleicht zugeflogen über die Dächer wie die Gebetsrufe des Muezzins. Es gibt in der Luft keine Grenzen. Das Lesen der Gedichte ist zunächst wie ein Schweben über der Stadt, ein erstes Erspüren der Atmosphäre, das erneute Lesen fokussiert. Der Schwebende greift zum Fernglas und zoomt sich heran. Er spaziert durch den Bazar. Er betrachtet Ornamente, er sieht und hört und lauscht. Er riecht die Minze im Tee, kostet vom Raki und spürt die Katze, die um die Beine schleicht. Er atmet Meer. Die Gedichte sind sinnlich erlesbar. Wustmanns Lyrik ist bilderreich mit oft sich wiederholenden Zeilen, die die Inhalte verstärken. Immer wieder tauchen als Motiv Katzen auf, das Lachen der Möwen, die Farbe grün, Regen, Nebel, Tee. Zeilenbrüche finden sich überall, es zeigt sich Schicht um Schicht, vieles bleibt doppeldeutig.
Besonders in den ersten beiden Bänden bezieht er sich auf literarische Werke türkischer Autoren, unter anderem auf Orhan Velis Lyrik, auf Orhan Pamuks Roman „Schnee/kar“, und immer wieder auf Ahmed Hamdis „Uhrenstellinstitut“, aber auch auf Jörg Fausers Aufenthalt in Istanbul.

Taksim Tango ist in fünf Kapitel aufgeteilt. Das erste heißt #widerstand und ist sicher das politischste.

das lied der gasmaskentage
wie weißer nebel zieht
ein blues durch die gassen
im orangen schimmer einer laterne
steht einer und wartet …“

Als Höhepunkt taucht der Leser ein in Kapitel Nummer zwei #taksim tango. Es ist ein einziges drei Seiten langes Gedicht, welches für einen friedvollen Auf- und Widerstand plädiert und sich dabei direkt auf die Geschehnisse im Gezi-Park bezieht.

hinter blickdichten vorhängen
schweben unsere wünsche und morgen
morgen werden wir wieder hier sein
mit bunten regenschirmen am brunnen
und alle werden wir rote kleider tragen
und tango tanzen in den straßen
von letzter nacht […]“

Es folgen Kapitel drei #grenzgebiete und vier #berlinistanblues, welches von der Liebe, von Begegnungen und vom Verlassen erzählt und in seiner Stimmung bereits auf das letzte Kapitel #abschied weist.

wie ein rudel dürrer junger welpen
wirft man sich auf alles was satt macht
bis es wehtut jedes foto
löscht eine erinnerung
in jeder dunklen gasse schimmert
das meer in trüben augen
die nichts mehr sehen wollen
jede idylle ist eine lüge von vergänglichkeit“

Der Kreis schließt sich. Es sind Abschiedsgedichte, wehmütig und traurig, der Dichter verlässt die Stadt und verbeugt sich ein letztes Mal vor ihr, bevor er heimkehrt.

Über die atmosphärische Lage der Stadt und über Eindrücke und Blitzlichter, die sie hervorrufen kann, wenn der Blick und das Herz darauf eingestellt sind, weiß ich nun. Ich habe etwas erfahren, etwas gespürt, nicht nur gelesen, über die Entwicklung der Stadt in den letzten fünf Jahren oder vielleicht über die Entwicklung des Dichters, der sich in dieser Stadt fort-bewegte.

Alle drei Bände sind zweisprachig. Übersetzt ins Deutsche wurde von Miray Atli. Erschienen sind sie im Binooki Verlag (Beyoglu Blues nur noch als ebook). Der kleine Verlag der engagierten türkisch-deutschen Schwestern Selma Wels und Inci Bürhaniye mit Sitz in Berlin hat das erklärte Ziel aktuelle türkische Autoren auch in Deutschland bekannter zu machen. Eine große Herausforderung auch politischer Art, wie es scheint, denn seit der Herausgabe ihres Buches über die Gezi-Demonstrationen, erhalten die beiden keine Förderung mehr von der Türkei.
Nun wurde die Arbeit gewürdigt: Der Binooki Verlag erhält den KAIROS-Preis 2017.

Inzwischen hat sich die politische Lage in der Türkei extrem verändert und ich möchte damit auch auf Gerrit Wustmann aufmerksam machen, der auf Facebook unermüdlich wichtige Beiträge zur Situation in der Türkei veröffentlicht.

Wem es nach mehr Büchern aus unabhängigen Verlagen gelüstet, der schaue hier:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/11/22/buecher-aus-unabhaengigen-verlagen-indie-books-als-alternative-teil-1-prosa/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/11/29/buecher-aus-unabhaengigen-verlagen-indie-books-als-alternative-teil-2-lyrik/

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