Margret Greiner: Charlotte Salomon „Es ist mein ganzes Leben“ Knaus Verlag

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Am 16.4.1917, also genau heute vor 100 Jahren wurde die Malerin Charlotte Salomon in Berlin geboren. Ihr Leben war kurz. Sie starb 1943 im Alter von 26 Jahren in Auschwitz-Birkenau. Nun ist ein biografisches Buch von Margret Greiner anlässlich dieses Jahrestages erschienen. Es enthält einen Bildteil, der die Lebensgeschichte von Salomon mit ihrer Malerei unterstreicht.

Charlotte Salomon wird als Tochter des Arztes Albert Salomon und Franziska Grunwald in Berlin geboren. Sie ist ein aufgewecktes, doch von starken Stimmungsschwankungen geprägtes Mädchen. Im Alter von acht Jahren begeht ihre schwermütige (aus heutiger Sicht depressive) Mutter Selbstmord. Bereits die Schwester von Franziska entschied sich in jungen Jahren für den Freitod. Charlotte wird nun von Kindermädchen und den strengen Großeltern betreut. Der Vater bemüht sich, ist aber ganz in seiner Arzttätigkeit absorbiert. Eines der Kindermädchen erweckt in Charlotte die Lust auf das Zeichnen und Malen. Fortan wird diese Neigung Charlotte ihr Leben lang begleiten.
Der Vater heiratet wieder: die berühmte Opernsängerin Paula Lindberg, mit der sich Charlotte glänzend versteht. Ihre erst schwärmerische Liebe wird der Gesangslehrer von Paula, Alfred Wolfssohn. Doch die guten Zeiten halten nicht lange an, denn die Nationalsozialisten werden immer machtvoller. Charlotte schafft es sogar an der Akademie der Künste einen Studienplatz zu bekommen, trotz ihrer jüdischen Herkunft. Doch die Gefahr spitzt sich zu. Charlottes Eltern schicken sie nachdem Albert verhaftet, doch wieder frei gekommen war, nach Südfrankreich zu den Großeltern, die dort bereits seit geraumer Zeit leben.
Doch auch dort ist niemand sicher. Charlottes Großmutter nimmt sich 1940 das Leben. Erst da erfährt Charlotte die Wahrheit über die Suizide in ihrer Familie. Kurz darauf bringt man sie und den Großvater ins Lager Gurs. Doch sie kommen wieder frei aufgrund des hohen Alters des Großvaters. Charlotte schafft es nur mithilfe der Malerei eine tiefe Krise zu überstehen, nachdem ein befreundeter Arzt sie anregt, die Ereignisse künstlerisch zu „verarbeiten“. So beginnt sie wie eine Getriebene mit ihrem Lebensprojekt „Leben? oder Theater?“, an dem sie fast zwei Jahre lang malt, die Schlüsselszenen ihres Lebens in Farbe festhält.

„Sie rettete sich in die Arbeit, malte unaufhörlich. Wenn sie malte, hatte sie keine Angst.“

Der Großvater stirbt. Sie lernt Alexander Nagler kennen, zieht zu ihm. Beide heiraten, werden aber 1943 verhaftet und nach Ausschwitz deportiert. Die schwangere Charlotte wird gleich nach der Ankunft ermordet, ihr Mann überlebt die Zwangsarbeit nicht.


Margret Greiner beginnt in ihrem Buch mit der Reise von Charlottes Eltern nach Südfrankreich im Jahr 1947. Beide konnten aus dem Lager Westerbork entkommen und haben überlebt. Sie entschließen sich, den Spuren ihrer Tochter zu folgen. Sie finden Charlottes Nachlass:  er enthält über 1300 Gouache-Malereien, darunter das Projekt „Leben? oder Theater?“ mit 769 Blättern, aus denen sich ihr Leben nachvollziehen lässt. Darin versieht sie alle Personen mit neuen Namen und beschriftet die Bilder mit kurzen Texten. Aus heutiger Sicht wirken diese Blätter teilweise wie eine moderne Graphic Novel. Charlotte hatte sogar Musik und Gesang dazu angedacht.

Es ist wie ein Wunder, dass all die Bilder in einem Keller, aufbewahrt in einem Karton, erhalten blieben. Es ist unglaublich, welche Kraft aus Charlottes Bildern strömt und außergewöhnlich, wie sie dieses Werk in kürzester Zeit erschaffen konnte. Wie unfassbar, dass eine junge Frau, die aus eigener Kraft ihre Traumata bewältigte und trotz allem am Leben bleiben wollte, diesem grausamen Regime zum Opfer fiel.
Und dennoch, welch ein Glück, dass sie durch ihre Bilder für die Nachwelt lebendig bleibt … Ein Leuchten!


Vor einiger Zeit gab es bereits einen Versuch von David Foenkinos, das Leben Charlottes in einen Roman zu fassen – womit er meinem Empfinden nach deutlich scheiterte. Was er nicht schaffte, gelang Margret Greiner in jeglicher Hinsicht: Ihre Biografie über Charlotte Salomon wird der Malerin gerecht und versucht nicht in sprachlich besonders kreativer Form zu punkten. Das Buch erschien im Knaus Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Charlotte Salomons Originalbilder befinden sich im Joods Historisch Museum in Amsterdam. Ein wunderbarer umfassender Bildspeicher ist diese Website mit den Malereien von „Leben? oder Theater?“:
http://www.charlotte-salomon.nl/collection/specials/charlotte-salomon/leben-oder-theater
Die Bildhinweise im Buch entsprechen der Nummerierung dieser Sammlung. Man kann also alles genau verfolgen und betrachten.

Ergänzend:  Eine Neuauflage des Buches „Charlotte Salomon – Bilder eines Lebens“ von Astrid Schmetterling ist im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag erschienen. Meine Besprechung dazu folgt auf fixpoetry.

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10 Gedanken zu “Margret Greiner: Charlotte Salomon „Es ist mein ganzes Leben“ Knaus Verlag

  1. Ich mochte „Charlotte“ von Foenkinos sehr. Es war meine erste Begegnung mit der Berliner Künstlerin und ihrem traurigen Schicksal. Ohne diesen Roman hätte ich vielleicht nicht von ihr erfahren. Oder – spätestens heute 😉
    Ein Spaziergang in die Wielandstraße lohnt sich wirklich sehr. Wie du, so war ich auch dort, um die Stolpersteine und die Gedenktafel anzuschauen. Gut, dass sie und ihre Familie nicht vergessen sind.
    Schöne Ostertage dir, Jacqueline

    Gefällt 1 Person

    • Zu Foenkinos gab sehr unterschiedliche Meinungen. Mir hat diese Form gar nicht gefallen. Aber in der Tat hat er beigetragen, dass Charlotte wieder mehr in Erinnerung kam. Ihr Werk wird jetzt ja sogar als Oper oder Singspiel aufgeführt. Einen Film gibt es auch.
      Es ist schon seltsam, dass diese Lebens-Orte auch heute noch den Geist der Personen ausstrahlen, die da lebten. Das geht mir in Weimar auch immer wieder so.
      Schöne Ostertage auch dir!
      Marina

      Gefällt 1 Person

  2. Vielen Dank für den Tipp und Erinnerung an diese wunderbare Künstlerin! Ihr Schicksal ist unsagbar traurig und so furchtbar sinnlos! Wann wird man je verstehen! Ich werde diesen wertvollen Beitrag teilen, ist dass ok?

    Liebe Grüße Babsi

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