Rachel Cusk: Transit Suhrkamp Verlag

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Sie tut es wieder! Nicht ganz so extrem wie in „Outline“ ( Besprechung siehe hier), aber es ist immer noch so, dass der Leser Rachel Cusks auch im zweiten Band der Trilogie die weibliche Hauptfigur vor allem über deren Gespräche mit anderen Menschen kennenlernt. Die anderen erzählen. Unsere Protagonistin schweigt, beobachtet, hört zu und stellt ab und an kluge Fragen.

„… genauso wenig könne man beim Sprechen zuhören. Beim Zuhören, sagte ich, habe ich mehr dazugelernt, als ich jemals für möglich gehalten hätte.“

Das ist und bleibt spannend, findet man sich doch in manchen Figuren selbst beim Reden oder Tun ertappt. Es ist eine ungewöhnliche aber vielleicht die treffendste Art, sich ein Bild zu machen von einem Unbekannten. Gegen Ende hin wird sie etwas gesprächiger – das fällt auf. Aus dem ersten Roman weiß der Leser, dass die Heldin eine Frau um die 40-50 Jahre alt ist (ihr Name ist Faye – er wird auf Seite 192 einmal genannt), gerade geschieden, mit zwei Söhnen und dass sie als Autorin arbeitet. In „Transit“ nun, zieht sie in eine etwas heruntergekommene Wohnung in einem guten Viertel in London, mit ziemlich unsympathischen Nachbarn …

„Ich hätte, sagte ich, ganz vergessen wie befreiend anonym das Leben in der Großstadt sei. Hier müsse niemand sich erklären: die Stadt sei eine leichtverständliche Benutzeroberfläche, eine Art selbsterklärendes Lexikon menschlichen Verhaltens, das es allen erlaubte, effektiv und gewissermaßen in Kürzeln zu kommunizieren.“

Sei es im Gespräch mit einem Handwerker oder beim Besuch beim Friseur, bei einem Literaturfestival, in einem Gespräch mit einem jungen schwulen Mann auf der Sinnsuche, mit einer Freundin oder bei befreundeten Familien – immer gerät der Leser tiefer hinein, als beim Lesen üblich. Das Herausfinden geschieht abrupt, das Kapitel ist zu Ende und ein neues mit neu auszulotendem Terrain beginnt. Dass sich in den vielen Gesprächen immer wieder das Thema Veränderung/Wandlung zeigt, ist nicht verwunderlich, denn die Hauptfigur scheint diese anzuziehen. Womöglich fungiert sie selbst als Spiegel ihrer Gesprächspartner. Sie scheint in der Tat jemand zu sein, der sich alle offenbaren und anvertrauen. Gleichzeitig erscheint sie mitunter wie eine Forschende, eine die Interviews führt, bei Ungereimtheiten nachhakt und für ihre Romane recherchiert, ohne das die Gesprächspartner etwas davon ahnen. So entsteht vielleicht sogar eine Symbiose. So präsent das Thema auch ist, meistens entsteht, oft in Schlüsselszenen, dadurch etwas ganz neues – von Transformation ist oft die Rede. Etwas was die Autorin Rachel Cusk als Suche, als Wunsch durch sich selbst mit in die Geschichten bringt. Zugleich sind es Geschichten in Geschichten in Geschichten, die etwas matrjoschkahaftes an sich haben.

So erzählt die Studentin Jane, die sich Rat bei unserer Protagonistin sucht, sie habe eine Idee für einen Roman und in diesem Roman wiederum finden sich weitere Geschichten, Geschichten, die sich mit dem eigenen Leben der Studentin vermischen. So erzählt der albanische Bauarbeiter Tony, der gerade ihre neu bezogene Wohnung renovieren soll von seiner Tochter, einer fünfjährigen, die bereits besser Englisch spreche als die Engländer selbst, jedoch könne seine Frau kein Englisch …

„Dann könnten, sagte ich, seine Frau und seine Tochter im Grunde nicht kommunizieren? Tony nickte langsam, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.
„Im Grunde“, sagte er.“

Jedes Kapitel, jede Begegnung endet überraschend – jedes Kapitel eine sehr kurze Novelle. Rachel Cusk schreibt Geschichten für Menschen, die bereit sind sich mit der Lektüre des Buches zu bewegen – Transit, der Titel sagt es ziemlich treffend. Es ist eines dieser Bücher, die sich nicht näher beschreiben lassen, schon gar nicht anhand eines ereignisreichen Inhalts, es ist eines, bei denen man selbst jenen Zauber hervorholen muss, den gute Bücher ausmachen. Ich mag es sehr!

„Transit“ von Rachel Cusk erschien im Suhrkamp Verlag. Aus dem Englischen übersetzt hat es Eva Bonné. Es ist der zweite Teil (nach „Outline“ siehe oben) einer Trilogie „einer weiblichen Odyssee“, wie es im Klappentext heißt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich, auch wenn es nur eine Kleinigkeit sein mag, den haptischen Einband dieses Buches: Den Titel ziert ein mit Abklebeband geformtes Haus, das sich ertasten lässt, als könne man das Klebeband einfach vom Papier abziehen.
Eine weitere Besprechung findet sich auf letteratura.

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14 Gedanken zu “Rachel Cusk: Transit Suhrkamp Verlag

  1. Tolles Buch, meine Besprechung dazu ist auch schon fertig und kommt am Wochenende. Es kommt alles so unspektakulär daher bei Cusk, aber es steckt viel dahinter. Ich mochte auch sowohl „Outline“ als auch „Transit“ sehr. Viele Grüße!

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  2. Nach deiner Besprechung ist das jetzt notiert – ich lasse mir Zeit, würde dann gerne die drei zusammengehörenden Bücher nacheinander lesen. Auf jeden Fall hat mich Deine Buchvorstellung jetzt sehr neugierig auf die Autorin gemacht!

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    • Das freut mich, Birgit! Ich glaube, es ist in diesem Fall tatsächlich eine gute Idee alle drei hintereinander zu lesen. So zeigt sich vermutlich die Entwicklung am besten. Ich nehme an, dass Suhrkamp im nächsten Frühjahr den dritten Teil bringt …
      Viele Grüße!

      Gefällt 1 Person

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