Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand Weidle Verlag

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Ein Mann besucht ein wenig widerwillig einen alten Freund, einen Künstler. Dieser erscheint ihm verwirrt, gar verrückt. Als Erklärung seines Zustands erhält er folgende Aufzeichnungen zu lesen:
Darin geht es um einen höchst sensiblen Menschen, dessen Dasein schon von Kindesbeinen an von Schwermut und Traurigkeit geprägt ist.. Eine Familie, die ganz und gar nicht versteht, was mit diesem Jungen bloß los ist, warum er nicht funktioniert. Die ganze Kindheit hindurch hatte man ihm seine Empfindsamkeit, seine Phantasie ausgetrieben und nach dem Collége waren dann auch die Reste jeglichen Eigensinns verloren. Fortan trudelt er verwirrt und planlos durchs Leben, bis er den Maler Lucien kennenlernt.

„Eines musst du dir bewusst machen: Eine Landschaft … eine Figur … ein beliebiger Gegenstand … all das existiert nicht an sich. Es existiert bloß in dir. Du stellst dir vor, daß es Bäume gibt, Ebenen, Flüsse, Meere. Weit gefehlt, mein Freund … Nichts von alldem gibt es, jedenfalls letztlich.“

Mirbeau legt den Maler Lucien nach dem Vorbild Vincent van Goghs an. Mirbeau war auch der einzige, der zeitlebens zwei Gemälde von van Gogh kaufte. Er selbst war Schriftsteller und eine schillernde, gleichzeitig kluge und kritische Gestalt der französischen „Belle Époque“. Eines seiner bekanntesten Bücher war „Tagebuch einer Kammerzofe“, eine Kritik an der Bourgeoisie, das von Jean Renoir und später von Luis Buñuel verfilmt wurde. Es lohnt sich Mirbeau neu zu entdecken.
Wenn van Gogh wirklich so klug und ganzheitlich dachte, wie Mirbeau ihn in dieser Geschichte schildert, war er in der Tat ein verkanntes Genie …

In „Diese verdammte Hand“ wird sich der Maler Lucien aus Selbstzweifel am Schluss seine „verdammte“ Hand absägen, die Hand die den Pinsel führt, die aber den neuzeitlichen Ideen und kreativen Ergüssen dieses eigensinnigen Künstlergehirns scheinbar nicht hinlänglich folgen will. So verblutet er in jener einzigen Nacht, die sein ergebener Freund, oben genannter Sensibler, durchschläft. Zuvor hatte er jede Nacht über ihn gewacht, aus Angst um ihn, der ihm immer verrückter und wahnhafter erschien und dessen Kunst auf ihn mehr als verstörend wirkte. Lucien hatte ihn zum Schreiben angeregt, doch was aus seiner Feder kommt, ist nicht genügend, viel zu vorhersehbar, wie ihm Lucien vorhält. Die Leidenschaft, die Lucien hat, fehlt ihm gänzlich. Er ist ein ängstlicher Mensch, in Liebesdingen vollkommen naiv, wie sich im Falle Fräulein Julias zeigt, und dennoch ein treuer Freund, der jegliche Eskapaden mitmacht, weil er sich sonst vollkommen verloren und einsam fühlt. Was aus ihm nach Luciens Tod wird, steht in den Sternen. Der Autor verrät es nicht …

„Ist Kunst wahrhaftig diese Qual, diese Hölle? Würde auch ich – der ich sie mir in meinen, erneut unsagbar wirren Träumen tatsächlich als eine solch große Linderung vorstellte, ein solches beispielloses und phantastisches und unendliches Paradies, in dem der Mensch nichts anderes erschafft als das Glück – in diesem fortwährenden Wehklagen leben, mit diesem vor Schmerz verzogenen Gesicht und diesem zuckenden Auge, welches der fahle Blitz des Wahnsinns getroffen hat?“

Das Buch erschien im Weidle Verlag in bekannt schöner Gestaltung, hinter der wie immer Friedrich Forssman steckt: Feinstes Papier, fadengeheftet. Papier und Schrift werden im Impressum genannt. Übersetzt wurde es von Eva Scharenberg. Zudem gibt es ein aufschlussreiches Nachwort von Pierre Michel. Mehr über Verlag und Buch findet man hier.
Eine weitere Besprechung findet man bei Birgit von Sätze & Schätze.

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5 Gedanken zu “Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand Weidle Verlag

  1. Hat dies auf Wortspiele: Ein literarischer Blog rebloggt und kommentierte:
    Autor, Thema, Verlag und die empfehlende Marina Büttner lassen mich diesen Beitrag ihres Blogs gerne weitergeben. Selber habe ich mich vor einigen Jahren mit Octave Mirbeaus Tagebuch einer Reise im Automobil – „628 – E8“ beschäftigt. Auch dieses Werk sollte in keinem Bücherregal fehlen!
    https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2013/07/19/628-e8-ein-roman-oder-was/

    Gefällt 1 Person

  2. Spannend!
    Mich würde interessieren, ob Mirbeau mit Van Goghs Zweifeln tief vertraut war?
    Schwer vorstellbar eigentlich, wie jemand so Kraftvolles schaffen konnte, ohne NICHT von sich überzeugt zu sein. Ich habe, so glaub ich, die Briefe Van Goghs an seinen Bruder. Ich sollte sie dann noch einmal daraufhin sondieren.
    Ich vermute, daß Mirbeau die Zweifel Van Goghs „in eine literarische Form übersetzt“.
    Woher letztlich Van Goghs Depressionen kamen, scheint mir nicht geklärt. Zumindest weiß ich nichts von einer Analyse.

    Gefällt 2 Personen

    • Soweit ich weiß, ja. Mirbeau selbst kannte ja auch diese Selbstzweifel in seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Ganz abgesehen davon, dass man als Künstler wohl nie davor gefeit ist, besonders wenn man wie van Gogh wohl einen Schritt voraus war als manche Kollegen und zu Lebzeiten kaum wahrgenommen wird … Und … Depressionen sind ja selbst heute noch schwer zu klären.
      Viele Grüße!

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      • „Den Schritt voraus“ erkannten die Nachfolger. Es gab ja in Düsseldorf einst eine Ausstellung: “ Van Gogh und sein Einfluß“, sinngemäss.
        Viele jetzt bekannte Künstler seiner Zeit waren relativ erfolglos. Van Gogh allerdings besonders.
        Beste Grüsse!

        Gefällt 1 Person

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