Gaye Boralioğlu: Der Fall Ibrahim Binooki Verlag

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„Nein, sonst sagte er nichts. Er fragte nur: „Gibt es in Istanbul einen Allah?“ Ich erwiderte: „Um sowas kümmere ich mich nicht.“ Dann stieg er in den Renault und sie fuhren ab.“

Obiger Auszug aus Boralioğlus Buch trifft den Kern der Geschichte schon ziemlich genau: Die Einen sind auf der Suche nach Gott, nach der Wahrheit, den Anderen ist das gleich, sie leben vor sich hin. Bereits 2004 erschien „Der Fall Ibrahim“ in der Türkei. Die Autorin, 1963 in Istanbul geboren, ist lange als Journalistin tätig gewesen. Inzwischen ist sie als Romanautorin und Erzählerin in der Türkei bekannt und erhielt einige Literaturpreise.

Der Fall Ibrahim ist ein ungeklärter. Es liegt nur eine Untersuchungsakte vor, die aus einem brennenden Verlagsgebäude gerettet wurde. Die Grundlage: Ibrahim wurde von seiner Mutter als vermisst gemeldet. In dieser Akte befinden sich neben Fotos auch Tonbandaufzeichnungen, die die unterschiedlichsten Stimmen zum Verschwinden Ibrahims darlegen. Es sind die Interviews einer Reporterin, die sich auf die Spurensuche begeben hat von Ibrahims Heimatdorf bis nach Istanbul. Sie fragt nach, hakt nach, bei all den Personen, die ihn kannten oder ihm kurzzeitig begegnet waren.

Zuerst steht die Mutter Rede und Antwort. Eines Tages hätte der 15-jährige sich entschlossen nach Istanbul zu gehen. Ihr Ibrahim sei ihr Augenstern, schon immer sei er etwas besonderes gewesen, groß gewachsen mit dunklen Augen. Auch die Schwester des Nachzüglers der Familie kommt zu Wort. Bei ihr durfte Ibrahim, als er klein war mit im Bett schlafen. Sein großer Bruder hat wenig zu sagen, er ist erschöpft vom Militärdienst, von den bewaffneten Einsätzen gegen „Terroristen“.

„Aber dieses Mädchen machte einfach nicht einen solchen Eindruck, ihre Hände waren ja mit Henna gefärbt. Gibt es das, eine Terroristin mit Hennahänden? Über solche Dinge hat man uns nicht informiert. Sie haben uns nämlich immer erzählt, Terroristen sind so und so. Sie sind keine Menschen, sie sind Tiere. Sie sind Feinde des Vaterlands, des Staates und aller Menschen.“

Kemal, der Freund, mit dem er Vögel jagen ging, erzählt von einer mystischen sagenhaften Begegnung mit der Gestalt eines riesigen Vogels, den aber nur Ibrahim sah. Der Grundschullehrer wiederum verzweifelt an den philosophischen Fragen des 11-jährigen Jungen. Was alle Beteiligten früher oder später bemerken, ist, dass Ibrahim offenbar keinen Schmerz verspürt. Das Mädchen Rüya, das ihn im Krankenhaus nach einem Sturz aus dem Fenster betreut, kann nie nachts schlafen und hat nie Träume. Ibrahim hingegen träumt immer wieder den gleichen Traum. So nähern sie sich an, finden aber nicht zusammen. Weitere Stationen sind unter anderem ein Hotelbesitzer, ein Scheich, ein Masseur im Hammam, ein Mechaniker. Doch die Spur verliert sich allmählich …

Erstaunlich, wie wenig übereinstimmend die einzelnen Beschreibungen von Ibrahim sind. Jeder scheint ihn anders wahrgenommen zu haben. Schmächtig und klein? Stattlich und groß?  Dunkle oder blaue Augen? In sich gekehrt? Ein Dieb oder zu Unrecht Beschuldigter? Der Leser selbst, darf sich ein Bild aus allen Aussagen zusammenstellen. So fragt man sich, gibt es eine einheitliche Wahrnehmung, eine allumfassende Wahrheit? Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Ich nehme Ibrahim vor allem als Zweifler, als Sinnsuchenden wahr, der auch vor extremen Erfahrungen nicht zurückscheut, der nirgends Ruhe findet, auch nicht in der Liebe.
Diese verrätselte Geschichte ist der Autorin ziemlich gut gelungen. Ich mochte die geheimnisvollen Andeutungen, die Einsprengsel aus dem magischen Realismus.
Wo Ibrahim denn nun ist? Diese Antwort darf jeder sich selbst erlesen …

PS: Was mir sofort beim Lesen aufgefallen ist und mir Unbehagen bereitete:  Erstaunlich häufig begegnet mir in dieser Geschichte das Thema Gewalt, vor allem in den Familien – Gewalt gegen Kinder, gegen Frauen etc. Traurig und tragisch, wenn dass das tatsächliche Abbild der Situation in der Türkei ist.

„Klar, man schlägt sein Kind halt mal. Dass man sein Kind haut, ist in gewisser Weise auch eine Vorbereitung auf das Leben. Es wird ja sowieso eines Tages Schläge einstecken müssen. Wenn er in die Schule geht, wird der Lehrer ihm eine verpassen, seine Freunde werden ihn schlagen und beim Militär wird er ganz bestimmt Prügel bekommen.“

Das Buch enthält Schwarz-Weiß-Fotografien des armenischen Fotografen Manuel Çitak, die sich stimmig in den Text einfügen. Übersetzt wurde es von Wolfgang Riemann. Es erschien im Binooki Verlag, der kürzlich erst mit dem Kairos-Preis 2017 ausgezeichnet wurde. Mehr über Verlag und eine Leseprobe gibt es hier.

Im Zuge dieses Beitrags möchte ich auch noch einmal auf die Essays von Asli Erdogan hinweisen, da es um sie doch in letzter Zeit sehr ruhig geworden ist:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/04/09/asli-erdogan-nicht-einmal-das-schweigen-gehoert-uns-knaus-verlag/

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2 Gedanken zu “Gaye Boralioğlu: Der Fall Ibrahim Binooki Verlag

    • Liebe Petra, der binooki Verlag wird von zwei deutsch-türkischen Schwestern hier in Berlin betrieben, die sich sehr für türkische Literatur in Deutschland einsetzen. Ein kleiner unabhängiger Verlag, bei dem es sich immer lohnt ins Programm zu schauen.
      Viele Grüße!

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