Valentine Goby: Kinderzimmer ebersbach & simon

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In Ravensbrück stehen nur noch drei Baracken, was bleibt davon, wenn es keine Bücher darüber gibt?“

So die Französin Valentine Goby in einem Interview zu ihrem Roman „Kinderzimmer“, der bereits 2013 in Frankreich erschien. Sie hat dafür kürzlich den Annalise-Wagner- Preis 2017 erhalten. Deshalb erst wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Dass das Thema, das Goby hier bearbeitet kein leichtes ist, war mir klar, aber das es so schwer erträglich wird, hätte ich nicht gedacht.

Goby hat viel recherchiert, die Berichte überlebender Frauen des Frauen-KZ Ravensbrück gesammelt und einen Roman daraus gemacht. Es ist ein sehr sehr gutes Buch geworden. Mit größtem Respekt und sehr viel Feingefühl erzählt sie die Geschichte der Französin Suzanne Langlois mit Decknamen Mila, die in der Resistance tätig war, verraten wurde und 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland ins Frauenlager Ravensbrück deportiert wurde. Die Zwanzigjährige ist schwanger. Doch das verrät sie bei ihrer Ankunft zunächst niemandem, auch den KZ-Arzt kann sie täuschen. Aufgrund der Mangelernährung sieht man ihr die Schwangerschaft bis zur Geburt nicht an. Sie vertraut sich nur zwei Frauen an, die zu engen Freundinnen werden. Ohne die Polin Teresa, hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt:

„Leben heißt aufstehen, sagt sie, heißt essen, sich waschen, den Napf waschen, tun was dich erhält, und dann das Fehlende beweinen, es an dein eigenes Dasein heften. […] Leben heißt dem Tod nicht vorgreifen, in Ravensbrück und überall. Nicht vor dem Tod sterben, sich auf den Beinen halten in dem winzigen Intervall zwischen Tag und Nacht.“

Unter den unsäglichsten Umständen leben die Frauen dort. An einem solchen Ort schwanger zu sein, ist eigentlich unerträglich. Als ihr Sohn dann geboren wird, bringt man ihn in das sogenannte „Kinderzimmer“, in dem alle Säuglinge von einer einzigen Schwester betreut werden. Täglich sterben dort Neugeborene an Mangelernährung und Verwahrlosung. Mila selbst arbeitet als Näherin, sieht ihr Kind nur zum Stillen. Als auch ihr Sohn stirbt, übernimmt sie, sozusagen im geheimen Austausch, die Verantwortung für einen Neugeborenen, dessen Mutter starb.

Immer wieder keimt die Hoffnung, der Krieg möge zu Ende sein, die Befreier mögen kommen. Als sie mit einigen anderen Frauen auf einen Bauernhof zur Zwangsarbeit geschickt wird, ist das fast schon die Befreiung. Kurz darauf ist der Krieg tatsächlich beendet, sie werden fortgeschickt und versuchen sich schwach und ewig hungrig gen Westen nach Hause durchzuschlagen. Vom Roten Kreuz werden sie schließlich aufgenommen und nach Frankreich gebracht …

Im Epilog beschreibt Goby, wie Mila/Suzanne ihrem inzwischen 21jährigen Sohn, seine wahre Herkunft offenbart und ihn vorsichtig in die Ereignisse jener schlimmen Zeit einweiht.

Suzanne Langlois berichtete später als Überlebende und Augenzeugin vor Schulklassen über ihr Schicksal in Ravensbrück.
Ich empfehle Valentine Gobys wichtiges Buch uneingeschränkt. Mögen solche Zeitzeugnisse immer weiter getragen werden …

„Kinderzimmer“ erschien bei ebersbach & simon. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Claudia Steinitz. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.
Unter http://www.ravensbrueck.de findet man Informationen über das Frauen-KZ und die dazugehörigen Lager.

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4 Gedanken zu “Valentine Goby: Kinderzimmer ebersbach & simon

  1. Danke für die Rezension.
    In Letzter Zeit hatte ich einiges zu KZs und anderen Greueln der europäischen Geschichte gelesen.
    Durch einen bloßen Zufall, ein kleines Gespräch während einer kurzen Busfahrt, bin ich vor 2 Jahren auf diese Thematik gestossen.
    Ich merke mir das Buch für eine Sammelbestellung mit anderen Büchern.

    Gefällt 1 Person

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