J. J. Voskuil: Und auch Wehmütigkeit – Das Büro 5 Verbrecher Verlag

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„Maarten grinste. „Der Mensch ist doch eigentlich ein Wunderwerk“, sagte er mit verhaltener Genugtuung.“

Es ist soweit! Nicht nur Aufsätze erscheinen von Maarten Koning, sondern endlich endlich auch eine eigene wissenschaftliche Publikation: Ein Buch über die Wände des Bauernhauses!
Ansonsten betreibt Maarten Studien über das Brot: Roggen oder Weizen und wenn ja wo und ab wann … Karten und Kulturgrenzen werden immer weniger wichtig, die Forschung verändert sich. Natürlich bleibt wie üblich wenig Zeit dafür, denn organisatorische und administrative Aufgaben nehmen ihn als Abteilungsleiter weiter stark in Anspruch.

„Ihr aller Misstrauen gegenüber seiner Gerechtigkeit machte ihn zutiefst niedergeschlagen. Sie hatten keinen Grund dafür. Es war so, weil er der Chef war. Obwohl er nicht der Chef sein wollte.“

Im 5. Band, der die Jahre 1979 bis 1982 umfasst, findet sich viel Privatsphäre: (Streit-)Gespräche mit Ehefrau Nicolien, politische Demonstrationen, Besuche bei der dementen Schwiegermutter im Heim, nostalgische Ausflüge nach Den Haag, seiner Heimatstadt, Urlaub in Südfrankreich, Treffen mit Frans. Die Besuche bei Beerta im Heim werden weniger, vermutlich auch, weil Beerta Maarten eines Tages Avancen macht …
Zum ersten Mal in seinem Büroleben bleibt Maarten länger krank zu Hause. Einige Wochen – sogar Arztbesuche stehen an. Was er genau hat, ist nicht klar …

„Der Mann sah ihm mithilfe einer Zange in die Nase und anschließend in seine Luftröhre, wobei Maarten hohe, singende Schreie nachmachen musste, die ihm vorgesungen wurden. Es gab der Beziehung trotz seiner anfänglichen Antipathie etwas Anrührendes.“

Alles in allem ist dieser Band, wie schon der Titel sagt, tatsächlich etwas wehmütig erzählt, zeigt sich doch sehr viel Vergänglichkeit, nicht zuletzt durch das Älterwerden Maartens. Er hat das 50. Lebensjahr überschritten und blickt oft bedauernd zurück. Es scheint ihm, als wäre seine Pensionierung nicht mehr weit, so berühren ihn mögliche drohende Sparmaßnahmen persönlich wenig. Dennoch muss er als Abteilungsleiter und Vertreter in allen möglichen Kommissionen für das Büro und vor allem für seine Abteilung Rede und Antwort stehen. Seine Schlaflosigkeit wird dadurch nicht besser …

„Aber das wäre doch sicher phantastisch, wenn ihr aufgelöst werdet? Darüber musst du doch wohl froh sein?“
„Ja, natürlich wäre ich froh darüber“, er stieg aus dem Bett, „aber ich fühle mich auch verantwortlich.“
„Wenn du vor Freude nicht hättest schlafen können, hätte ich es verstanden!“, sagte sie empört. „Aber ein Forschungsprogramm zu erstellen, weil man aufgelöst wird! Wie kannst du nur?“

In der Tat steht im Raum, dass das A. P. Beerta Institut aufgelöst werden könnte, was innerhalb des Personals immer wieder zu Aufregung führt. Die Stimmung im Büro wird dadurch nicht besser, die Abteilungen und einzelne Personen versuchen sich ins rechte Licht zu rücken, Konkurrenzdenken entsteht. Sogar eigentlich kleine Entscheidungen, ob beispielsweise „fairtrade“-Kaffee, statt des üblichen ausgeschenkt werden sollte, arten in immense Diskussionen aus und zeigen die Nervösität der Büro-Kollegen auf.

Was jedoch gleich bleibt zu meiner großen Freude, sind die die Gesten, die Kleinigkeiten, die Boshaftigkeiten und Liebenswürdigkeiten, wenn z.B. Maarten gemein lacht oder Direktor Balk aus Ungeduld mit dem Fuß wippt, wenn de Vries zum gefühlten 1000. Mal „Danke, Mijnheer“ sagt oder Katje Kater zum letzten Mal „ich meine ja nur“ sagt, wenn Lien scheu eine Frage stellt oder Hans sanft mit dem Kopf wackelt und wenn Maarten seinen Schreibtischstuhl zum xten Mal genau eine Vierteldrehung herumrückt … „und so weiter und so fort“ (O-Ton Katje Kater)

„Die ungewöhnliche Zeit, zu der er hier entlangging, holte ihn aus seiner Geistesabwesenheit und machte ihn aufmerksam. Sie gab ihm das Gefühl, heimlich eine andere Welt betreten zu haben, eine glücklichere Welt, nahe der seinen, von ihr jedoch durch eine unsichtbare Wand getrennt, sodass er bei einem entgegenkommenden Fußgänger unwillkürlich den Kopf abwandte, um bloß so wenig wie möglich aufzufallen.“

Endlich ist nun auch Band 6 erschienen … ich lese ganz langsam, im Bewusstsein, dass es der vorletzte Band ist … Besprechung folgt …

Eine Leseprobe zu diesem Band gibt es hier auf der Seite des Verbrecher Verlags. Übersetzt hat wie immer Gerd Busse.
Meine Besprechungen zu Band 1, Band 2/3 und Band 4 kann man hier nachlesen.

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