Anna Kim: Die große Heimkehr Suhrkamp Verlag

42545 Anna Kim

„Die große Heimkehr“ leistet als Roman beinahe so viel wie ein Geschichtsbuch, das zudem vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation zur Wissensauffrischung durchaus geeignet ist. Anna Kim erzählt anhand dreier Hauptfiguren umfangreich und detailliert über die Geschichte und Entwicklung des Landes Korea und die Teilung. Tatsächlich dehnt sie den eigentlichen Zeitraum 1959/60, also zwei Jahre, aus und berichtet auch von den Hintergründen und Voraussetzungen dieser unruhigen Zeit. Hat man das Buch gelesen, begreift man erst, dass dieses Land niemals zur Ruhe kam. Weder im kommunistischen Norden noch im versteckt (militär-)diktatorischen Süden, der in Wirklichkeit keine Demokratie war, konnte man gut und sicher leben. Mich hat das Buch ziemlich erschüttert: Überall Gewalt, Folter, Verrat – wie wenig eigentlich im Namen des Volkes geschieht und wie viel aus Machtgier der Oberen. Und nicht zuletzt, weil sich auch hier wieder die Einflussnahme der Großmacht USA nicht unbedingt von ihrer besten Seite zeigt.

Gut, dass man sich an der im Jahr 1959 in Seoul einsetzenden Geschichte um Johnny und Yunho, die seit ihrer Kindheit befreundet sind und die später eine Art Dreiecksbeziehung mit der älteren Eve führen, entlang hangeln kann und dieser staatlichen Willkür nicht fortwährend ausgeliefert ist. Kim schildert vielleicht manchmal etwas zu ausführlich die politischen Ereignisse, doch letztlich sind sie auch notwendig für das Durchdringen der Romanhandlung. Kurz bevor ich versucht war zu überblättern, fand ich mich wieder in der eigentlichen Geschichte vor. Die drei Helden müssen während der Unruhen aus Südkorea nach Japan ins Exil fliehen, wo sie jedoch ein kaum besseres Schicksal erwartet und wo sich das Misstrauen gegeneinander verstärkt. Viele der Geflohenen werden bald angeworben ins kommunistische Nordkorea zurückzukehren: Die Große Heimkehr.

„Heimat: was für eine heikle, furchtbare und furchterregende Religion 
In Korea steht Kohyang für das Land der Ahnen und für Herkunft, zugleich enthält der Begriff eine emotionale, eine überwirkliche Komponente, nämlich die des Blutes, der individuellen und kollektiven Wurzeln. Heimat ist somit Vergangenheit, aber auch, und das ist die Crux, Zukunft; Schicksal.

Der Handlungsstrang wird in Rückblenden aus der Sicht des 78-jährigen Yunho Kang erzählt, unterlegt mit Sequenzen über die geschichtlichen Ereignisse. Yunho, der wieder in Korea lebt, erhält einen Brief mit der Mitteilung von Eves Tod in den USA. Eine junge Frau, die eigentlich auf der Suche nach ihren Wurzeln in Korea ist, übersetzt ihm den Brief und nach und nach erzählt ihr Yunho seine Erinnerungen.

Anna Kims Roman ist ein großes Epos über die Suche nach Zugehörigkeit, nach Heimat, nach Liebe und Freundschaft im Exil und in den Wirren des Weltgeschehens. Anna Kim wurde 1977 in Südkorea geboren und kam mit ihrer Familie 1979 zunächst nach Deutschland dann nach Österreich. Im Einband des bei Suhrkamp erschienenen Buches ist ergänzend eine Karte von Korea und Japan abgedruckt. Eine Leseprobe gibt es hier.

Eine sehr ausführliche und detailreiche Besprechung gibt es auf dem Blog ausgelesen. weitere bei  Zeichen & Zeiten und Literaturreich.

PS: Interessant als begleitende Lektüre ist „Denunziation“, ein Band mit Erzählungen aus dem Piper Verlag, der über die Zustände in Nordkorea viel aussagt. Der Autorenname „Bandi“ ist ein Pseudonym für den wirklichen Autor, der angeblich noch in Nordkorea lebt und bei Aufdeckung wohl nicht mehr seines Lebens sicher wäre. Sprachlich hat mich der Band nicht überzeugt, aber um Einblick in persönliche Schicksale zu erhalten, ist er gut geeignet.

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7 Gedanken zu “Anna Kim: Die große Heimkehr Suhrkamp Verlag

  1. Mich hat das Buch auch sehr überzeugen können. Gerade auch die große Wissensfülle, die ausgebreitet wurde ohne allzu aufdringlich zu sein, hat mir sehr imponiert. Ich war auch auf einer Lesung der Autorin und fand es sehr interessant. Gerade habe ich hier einen spannenden Erzählungsband der Autorin, die mit dem Künstler Kristian Evju zusammengearbeitet hat.

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  2. liebe marina, es freut mich, daß du dieses buch so empfiehlst (und danke für den hinweis auf meine eindrücke…), auch ich empfand es als große bereicherung und auch als wunderbare lehrstunde über ein land, von dem man so wenig weiß….

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