Nina Jäckle: Stillhalten Klöpfer & Meyer

DSCN2157

Die 1966 geborene Nina Jäckle hat einen Roman über ihre Großmutter geschrieben. Diese Großmutter wurde auf ewig festgehalten in einem Porträt des berühmten Malers Otto Dix. Wer kann das schon von seiner Großmutter sagen … ? Und es ist auch die Geschichte einer begabten Frau, die aufgrund der Strukturen ihrer Zeit, 1933, Dresden, nicht das tun durfte, wozu sie wohl berufen war … das Tanzen.

Wir lesen von Tamara, als sie bereits zurück blickt. Als sie gealtert ist, zwar zunächst noch materiell gut versorgt, dank des reichen Ehemanns, doch unglücklich. In ihr „Abrechnungsbuch“ trägt sie nicht nur ihre finanziellen Ausgaben ein, sondern schreibt auch alles was ihr im Nachhinein für eine Lebens-Abrechnung notwendig erscheint. Imgrunde spielt sich der ganze Roman in Tamaras Kopf ab. Es ist ein einziges Wechselspiel zwischen jetzt und damals, zwischen der großen Chance und dem großen Versäumnis. Zwischen richtig und falsch. es ist ein Hadern mit sich selbst und den Wegen, die sie in ihrem Leben einschlug.

„So steht man nun in dieser einen Variante, die man zu seinem Leben gemacht hat, schreibt Tamara in ihr Abrechnungsbuch, so versucht man nun immer wieder aufs Neue, dem Bedauern das Gelingen entgegenzusetzen.“

Wie so oft damals ist es das Problem ihrer Zeit, dass sie, als sie sich für die Ehe entschieden hatte, „in der Unbedachtheit der Jugend“, ihre Tanzkarriere vergessen konnte, dass sie aufgeben musste, weil der Ehemann das so wollte. Tamara hatte nicht das Glück einer Käthe Kollwitz, deren Mann hinter ihr und ihrer Kunst stand. Und wer weiß, wie vielen Frauen es ebenso erging.

„Du bist herausragend, hatte die Tanzlehrerin Tamara am Tag zuvor gesagt, herausragend nicht im Sinne des Künstlerischen, aber sehr wohl im Sinne der Zerstreuung und des Vergnügens, du wirst Geld verdienen können mit dem Tanzen …“

Als sie 1933 im Alter von 21 Jahren für Otto Dix Modell steht, stillhalten muss, wo sie sich doch vor allem bewegen will, ist sie noch vollkommen frei, lernt tagsüber den „echten“, den Ausdruckstanz von Mary Wigmann und tanzt abends im Varieté, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Von Dix erfährt sie in vielen Gesprächen, was politisch gerade vor sich geht. Die Mutter, die ihr die Tanzkleider näht, beschwichtigt nur und hofft auf eine gute Partie für die Tochter.

Beinahe unmerklich lässt Jäckle einfließen, was Tamaras Mann, ein wohlhabender Geschäftsmann damals im Nationalsozialismus für Geschäfte machte. Überhaupt ist es Jäckles Sprache, die den Roman trägt, obgleich der Inhalt ebenso interessant ist. Denn die Autorin weiß, Spannung zu erzeugen gerade durch die leeren Stellen, durch das Nichterzählte und durch sprunghaften Wechsel von Gegenwart zu Verganenheit. Der Leser spürt den Überdruss und die Sinnlosigkeit, die Tamara empfindet, beinahe genauso stark. Im endlosen Wiederholen der Gedanken, des Tagesablaufs wird der Leser selbst eingeschlossen. Das ist Jäckles Verdienst.
Der Autorin ist mit ihrer konzentrierten, dichten Erzählweise ein sehr schönes eindringliches, wenngleich trauriges Porträt einer Frau gelungen, die Opfer ihrer Zeit wurde. Ich mag es sehr, Und ich bin ganz hingerissen von Otto Dix´Gemälde, es hält Tamara am Leben.

„Stillhalten“ erschien im Verlag Klöpfer & Meyer. Auf Vorsatzblatt vorne ist ein Foto des von Otto Dix gemalten Bildes und auf dem Vorsatzblatt hinten ein Foto von Tamara als Tänzerin. Eine Leseprobe gibt es hier .

Advertisements

7 Gedanken zu “Nina Jäckle: Stillhalten Klöpfer & Meyer

  1. Liebe Marina, entschuldige. Erst denken, dann tippen müsste es heißen. Ich habe hier nochmal recherchiert und ich habe Nina Jäckle irgendwie falsch abgelegt bei : will ich lesen für den Debütpreis, dabei hat sie ja schon ganz viel veröffentlicht. Lesen will ich das Buch aber trotzdem 😉

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s