Jan Kjærstad: Das Norman-Areal Septime Verlag

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„Ich hatte von Schreibblockaden gehört, aber noch nie von einer Leseblockade. Es war schon fast lustig. Ich, John Richard Norman, bekannt als einer der besten Verlagslektoren Norwegens, hing jedesmal über der Kloschüssel, wenn ich in einem Manuskript blätterte, übermannt von dem Zwang mich zu übergeben.“

Jan Kjærstad ist einer der bekanntesten Autoren Norwegens. Aufgrund eines Hinweises meiner Bloggerkollegin (Danke, Constanze!) von Zeichen & Zeiten bin ich glücklicherweise auf diesen Roman aufmerksam geworden: Es gehe um Bücher und ums Lesen, meinte sie. Was gibt es Schöneres? Bereits die Leseprobe zeigte die Ausdruckskraft des Autors.

Um zu gesunden, sprich von seiner merkwürdigen Übelkeit beim Lesen von Manuskripten befreit zu werden, fährt die Hauptfigur Norman, 50, ein bekannter Lektor in einem großen Osloer Verlagshaus, auf eine einsame Schäreninsel im Norden Norwegens und bezieht dort ein Haus am Wasser. Wie der Autor hier gleich zu Beginn die Natur beschreibt und das achtsame Leben, dass Norman hier führt, weckt Sehnsucht. Nichts muss getan werden, es ist ein Sich-treiben-lassen, ein Durchatmen. Hier weiß Kjærstad klare Bilder zu erzeugen.

Als jedoch eine geheimnisvolle Frau auftaucht, die „Fotografin mit den schwarzen Haaren“, ist es um seine Ruhe geschehen. Zwischen ihm und Ingrid beginnt eine intensive Liebesgeschichte, wie sie beide scheinbar noch nicht erlebt haben. Der Autor erzählt über die entstehende Liebe, aber gleichzeitig auch in Rückblenden aus Normans Vergangenheit: wie er zum Lesen kam, seiner großen Passion, wie er zu Geld kam, zu dem Job im Verlag und zu seiner Ex-Ehefrau. In einem dritten Erzählstrang wird in kurzen Einschüben von einem Neurowissenschaftler erzählt, der Norman nach einem Unfall betreute und bei ihm nach vielen Untersuchungen auf sehr spezielle Gehirnstrukturen stieß: Das sogenannte Norman-Areal.

„Von außen betrachtet, mit den Augen einer anderen Person, führte ich womöglich ein monotones Leben. Doch solange ich ein Buch öffnen konnte, würde ich mich nie langweilen.“

Irgendwann lässt die Anziehungskraft zu Ingrid nach und die liegen gelassenen Manuskripte locken Norman erneut. Sie sind so gut, dass keinerlei Übelkeit ihn am Lesen hindert, im Gegenteil, sind sie fesselnder denn je. Dass Bücher für Ingrid Konkurrenten werden, kommt bei ihr nicht gut an und verändert die Stimmung zwischen beiden gänzlich. Liebe oder Literatur? Das ist hier die Frage.

„Was ich damit sagen wollte, war, dass Literatur das Wichtigste im Leben ist. Weil sie eine Grenzzone aufdeckt, uns für etwas Unbekanntes öffnet, in dem wir uns weiterbewegen können.“

Kjærstad verunsichert den Leser mitunter, indem er sich auf unterschiedlichsten Ebenen bewegt und doppelte Böden einzieht. Das ist meisterhaft gemacht, perfekt konstruiert. Dieser Roman ist eine einzige Hommage ans Lesen und an große Literatur, die mehr ist als bloße Geschichten, Bücher die bis ins Herz strahlen und den Blick auf die Welt verändern, ja gar eigene Parallelwelten erschließen. Es ist ein sehr besonderes Buch, das die Heilkraft von Literatur aufzeigt, ein sprachlich feines, psychologisch spannendes, mitunter spirituelles, geheimnisvolles Buch, das zudem noch mit erlesenen Literaturhinweisen gespickt ist. Möge er viele Leser finden. Mögen viele ihr eigenes Norman-Areal entwickeln (ich bin ziemlich sicher, dass ich es schon habe) … Ein doppeltes Leuchten!

Dass Jan Kjærstads Romane wieder in Deutsch erscheinen, darf man dem kleinen aber feinen österreichischen Septime Verlag zuschreiben. Auf der Verlagsseite gibt es mehr über den Autor und eine Leseprobe. Übersetzer ist hier Bernhard Strobel.

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4 Gedanken zu “Jan Kjærstad: Das Norman-Areal Septime Verlag

  1. Ich freue mich sehr, dass ich Dir mit diesem Tipp eine schöne Lesezeit beschert habe. So sollte es sein. Ich denke, ganz allgemein sollte die norwegische, noch allgemeiner die skandinavische Literatur über Krimis und hierzulande bekannte Namen mehr gelesen werden. Da gibt es noch eine ganze Reihe an Perlen zu entdecken, glaube ich. Aber gut – darüber lässt sich dann wiederum ganz prima schreiben. Viele Grüße und vielen Dank für die Erwähnung 😉

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