Aya Cissoko: Ma Wunderhorn Verlag

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Aya Cissoko wurde 1978 in Paris geboren. Ihre Eltern kamen aus Mali nach Frankreich, um es besser zu haben als in der Heimat und von da aus ihre Familie mit versorgen zu können. Aya Cissoko erzählt anhand ihrer eigenen Geschichte:

Diese setzt ein bei der Beerdigung der Mutter und wird in Rückblenden erzählt. Nach und nach erfahren die Leser*innen von der Verheiratung der 15-jährigen Mutter im Dorf in Mali. Dort gelten die Mädchen als hochzeitsreif, sobald sie ihre Menstruation bekommen. Oft ist der Partner von den Eltern lange vorher bestimmt. Cissokos Mutter hat Glück, ihr Mann ist „nur“ 15 Jahre älter und holt sie zu sich nach Frankreich.

„Der Sarg wird am Eingang zu Block 101 abgestellt. Die Männer haben betend einen Ring darum gebildet. Wir Frauen warten in einigem Abstand, fünf Meter hinter der letzten Reihe der Männer. Wir sollten eigentlich bei ihnen stehen dürfen, schließlich ist dies ein nicht muslimisches Land.“

Für Aya ist die Kindheit zunächst wild und frei, als Spielplatz gilt die Straße, da die Wohnung aus einem 15 qm kleinen Zimmer für zwei Erwachsene und vier Kinder besteht. Die finanzielle Situation ist immer prekär. Alles verschlimmert sich, als der Vater und die Schwester bei einem Brandanschlag ums Leben kommen und kurze Zeit später ein Bruder aufgrund einer Hirnhautentzündung stirbt. Die Mutter kämpft sich alleine durch, geht arbeiten und nimmt trotzdem immer auch Bedürftige aus der Heimat auf. Es herrscht generell ein rauhes Klima, Schläge für die Kinder sind nicht selten. Trotz des ruppigen Tons und der strengen Behandlung ist ihre Sorge zu spüren.

„Koroke weist mich als einer der ersten auf diese schlechte Angewohnheit hin: >Warum fluchst du die ganze Zeit? Hör auf damit, du hast eine wüste Sprache.< >Ach echt! Scheiße, hab ich noch gar nicht gemerkt!<

Schwer verständlich sind für mich die ungeschriebenen Gesetze der afrikanischen Familienkultur. Die Frauen haben es schwer. Männer dürfen sich alles erlauben, haben mitunter mehrere Frauen. (>Welche andere Rolle kann eine Frau ausfüllen, als den Stammbaum des Mannes zu verlängern?“)  Und diese Gesetze scheinen auch in der neuen Wahlheimat Frankreich unter den Einwanderern zu gelten. Umso mutiger ist es, dass sich Aya Cissoko als Hauptfigur des Romans loslösen kann und neugierig neue Wege geht. Sie schafft das Abitur, sucht sich einen Studienplatz, bricht ab, sucht neu, findet Unterstützung. Bewegung ist ihr wichtig und so landet sie beim Boxen und wird richtig gut, gewinnt Wettkämpfe und findet auch hier wieder Menschen, die sie fördern. Ein Halswirbelbruch bedeutet schließlich das Aus der Karriere als Boxerin. Es folgt eine schwierige Neuorientierung und die Balance zu finden zwischen Herkunft und Neuland, zwischen Tradition und Moderne, bleibt Hauptaufgabe. Cissoko emanzipiert sich, grenzt sich ab, trifft eigene Entscheidungen, übernimmt Verantwortung und bleibt sich dabei ihrer Wurzeln bewusst.

„Mit fast dreißig kehre ich auf die Schulbank zurück. Lernen ist gut für jedes Alter und mein Kopf ist endlich ausgeruht.“

Cissokos Roman ist eine große Liebeserklärung an ihre Mutter und die Geschichte einer starken jungen Frau, die sich klug und hartnäckig für ein freies und selbstbestimmtes Leben in Frankreich entscheidet. Wer Einblick in andere Kulturen sucht und lesen will, wie Integration gelingen kann, lese dieses Buch.

Was mich am Buch ein wenig gestört hat, ist, dass Teile der Dialoge auch oft zusätzlich in Cissokos Muttersprache Bambara abgedruckt sind. Es stört ein wenig den Lesefluss. Das ist allerdings auch schon das Einzige, was ich an diesem Buch auszusetzen weiß.

Der Roman „Ma“ wurde von Beate Thill aus dem Französischen übersetzt und erschien im Wunderhorn Verlag. Mehr über Buch und die Autorin und eine Lesprobe gibt es hier. Ein beeindruckendes Porträt der 1978 in Frankreich geborenen Aya Cissoko gibt es bei „Aspekte“

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3 Gedanken zu “Aya Cissoko: Ma Wunderhorn Verlag

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