Peter Handke: „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ oder Die Verwandlung – eine Herzenssache

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Wie gut, dass Wim Wenders Peter Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“ verfilmt hat. Und wie gut, dass Corinna Belz einen Film mit und über Peter Handke gedreht hat. Und wie gut, dass Peter Handke Skizzen und Zeichnungen aus seinen Notizbüchern in einer Galerie in Berlin ausgestellt hat.

Alles wirkte zusammen und beeindruckte und infizierte mich so (Ergriffenheit? Entrückung?), dass ich endlich mir das dicke gebundene Buch „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ zulegte, (von welchem auch Tomas Espedal in seinen Büchern schwärmte) antiquarisch gekauft (wie ich dann sah, aus dem Fundus der (offenbar aufgelösten) Bibliothek von Radio Bremen). Für mich ist dieses Buch eine Offenbarung und es löst nun nach so langer Zeit Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“ als meine Bibel ab. Es wurde Zeit für eine Verwandlung, wie sie Handke in diesem sehr besonderen Buch von sich gleich am Anfang beschreibt.

„Einmal in meinem Leben habe ich bis jetzt die Verwandlung erfahren. Diese war mir davor ein bloßes Wort gewesen, und als sie damals anfing, nicht gemächlich, sondern mit einem Schlag, hielt ich sie zunächst für mein Ende.“

So beginnt das Buch und so geschah es auch von der ersten Seite an, dass ich von Handkes Langsätzen und Worterfindungen (sehr treffend meine Freud´sche Verschreibung: Wortempfindungen) inspiriert wurde und selbst zum Bleistift griff. Als Ritual jeden Morgen, noch vor allem anderen, die Welt noch außen vor, Handke zum Grüntee und das eigene Notizbuch mit dem weichen Bleistift daneben. So entstand im Laufe des Sommers ein Gedichtzyklus, der weiter bearbeitet wird.

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Nie hat jemand so herrlich über den Lärm der Nachbarschaft geschrieben, seitenlang, ironisch, böse und witzig. Seit ich über die Spatzenschlafplätze in Handkes französischen Vorstadtplatanen las, gehe ich noch lauschender und beobachtender durch meinen Stadtteil. Trefflich schildert der Autor/der Protagonist auch seine Freundschaften im Künstlermilieu, hadert mit sich selbst, als sich eine Schreibflaute einstellt, obwohl der Schreibort extra so abseitig gewählt wurde, damit keinerlei Ablenkungen stören.
Es ist mir nicht möglich und auch nicht notwendig, weiter den Inhalt dieses Buches darzulegen, denn ich denke, das ist für jeden Leser ein ganz anderer: Kaum ein Buch, das mehr zu Selbstreflexion anregt, gerade auch aufgrund der Fragen, die Handke immer wieder mitten in den Text stellt. Die Essenz, herauszulesen, die ureigene, das ist die Kunst dieser Lektüre, die für mich auch spirituelle Dimensionen hat.
Malte Herwig schreibt in seiner Handke-Biografie etwas, was es ziemlich genau trifft:

„Durch genaue Anschauung gewinnt er der Welt neue Eindrücke ab und faßt sie in eine Sprache, die nicht abgegriffen und matt ist, sondern lebendig und wach.“

Beim „Jahr in der Niemandsbucht“ ist es nicht geblieben. Nach und nach sammle ich antiquarisch weitere Handkeleien ein. Für einen kürzeren Einstieg empfehle ich „Versuch über den geglückten Tag“. Es liegt ein großer Trost in diesem Buch. Sagt einem doch endlich einmal einer, dass der geglückte Tag, keineswegs perfekt sein muss und auch nicht unbedingt mit einem glücklichen zu tun hat.

„Also war dein Tag der Idee, einen Versuch über den geglückten Tag zu schreiben, selber dieser glückliche Tag?“

Vom „Versuch über die Müdigkeit“, dem ein Ticket zu einer Ballettaufführung an Neujahr 1990 in Düsseldorf beilag (das ist das Überraschende an antiquarisch erworbenen Büchern) zu „Der Große Fall“: Hier wird ein Schauspieler, der am Abend einen großen Preis erhalten soll, durch den Tag begleitet. Was ihm beim Gehen widerfährt, wem er begegnet (sich selbst?) und wie der Tag endet, ähnelt anderen Geschichten Handkes. Das ist aber egal, denn das Umkreisen ein und desselben Motivs bietet ja nie ein Auflösung, darf es gar nicht, sonst gäbe es ja nichts mehr zu erzählen …

Gegen Ende dieses Sommers, dann ein Ausflug nach Südfrankreich auf den Spuren von Cèzanne und in den Herbst unterwegs im Hausboot mit „Die morawische Nacht“. Das Ziel, auf das ich mich sehr freue, ist der neue Roman „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere“, der im November erscheinen soll. Wie fast alles von Handke im Suhrkamp Verlag.

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