Ragnar Helgi Ólafsson: Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können Elif Verlag

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Gleich vorab: Ein Leuchten! Hellstes Polarlichtleuchten!

Beim ersten Lesen des Titels auf dem anziehenden Cover war klar: Das ist passende Lyrik für mich. Sehr selten finde ich einen Lyrikband, bei dem ich mich mit allen Gedichten anfreunden kann. Hier ist es so. Ólafssons Texte vereinnahmen mich ganz. Sie scheinen erst so harmlos leicht und dann! dann kommt die Wendung, die aus einem schönen ein unvergleichliches Gedicht macht. Es ist manchmal nur ein Wort, eine Schwingung zwischen den Zeilen. Nach jedem Umblättern kommt eine Überraschung, keine Sensation, das eben nicht, sondern ein hauchfeines Etwas, dass umhaut. Mein Liebstes:

Dichtersprache

Ich möchte mit dir in einer Dichtersprache sprechen,
ohne die Stille zu durchbrechen.

Es ist nicht so schwierig, wie es klingen mag.

Es ist nur so,
als zöge man ein Kristallglas
an einem Wollfaden
über
einen steinübersäten Strand.

Eine große Vielfalt steckt in den Texten. Sie reichen von rätselhaft bis skurril („Der innere Raum des Kuchens ist alles das, was nicht Kuchen ist“) , von meditativ bis schlicht, von melancholisch bis humorvoll (“ Ich kann es mir nicht leisten, diese Seelöwen für längere Zeit zu halten“). Manchmal sind es bildhafte Texte von M.C. Escher`schem Format wie bei „Seifenblase“. Manche erscheinen als Traumsequenzen in all der Wirklichkeit: „Stupéfiant.“ Einige muten so essentiell an, wie die Suche nach dem eigenen Selbst. So glaubte ich einmal Pessoa zu begegnen im Gedicht „Nichts wie Nichts“ :

„Ich lehne Vergleiche ab.
Das was ich sage ist.
Ich lehne alle Vergleiche ab.
Alles ist das was es ist.“

Und da ist auch noch das zarte wunderbare „Wiegenlied 1“:

„… Es hat Millionen von Jahren gedauert, dies zustande zu bringen, aber die Welt macht nicht viel Aufhebens davon, weil sie schon darüber, dich in sich zu haben, so überglücklich ist.“

Ólafssons Gedichte sind auf verschiedenen Ebenen zugänglich. Das macht sie so besonders und empfehlenswert, auch für diejenigen, die sonst kaum Zugang zu Lyrik finden.

Sowieso ist es ein kleines Kunstwerk, innen wie außen. Die deutsche Ausgabe wurde ebenso ausgestattet wie das Original, das der Autor und Künstler selbst gestaltet hat: Ausgestanzter Einband, collagenhaft, welcher gleich tief blicken lässt, schwarze Fadenheftung auf weißem Grund, fast japanische Bindung, zweisprachig. Fein übersetzt von Island-Spezialist Wolfgang Schiffer und dem Isländer Jón Thor Gislason und verlegt im Elif Verlag, in dem auch sonst ganz fabelhafte Lyrik zu finden ist.

2017-11-08 19.43.16Wolfgang Schiffer stellte kürzlich den Band in Berlin im feinen Schokoladenbuchladen von Fräulein Schneefeld & Herr Hund vor: Es war ein mehr als interessanter Abend mit einer kleinen Einführung in die isländische Geschichte und mit der Vorstellung der isländischen „Atomdichter“, die einen neuen poetischen Ausdruck finden wollten, weitab der traditionellen Form in Island. Der Autor von „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ ist ein aktueller Vertreter dieser Moderne.

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8 Gedanken zu “Ragnar Helgi Ólafsson: Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können Elif Verlag

  1. Zu der Lesung wollte ich auch gehen, war aber leider zu krank – schade, klingt, als war es wirklich mehr als interessant.
    Zum Nichts wie Nichts: Als Vergleichende Literaturwissenschaftlerin neige ich ja mehr Adornos Ansicht zu – „Allein im Vergleichbaren konstituiert sich das Unvergleichliche.“
    Aber intuitiv leuchtet mir auch Ólafssons Postulat ein. Es erinnert mich an meinen Vater, der Synonyme ablehnt, weil doch jedes Wort etwas anderes bedeutet, es also keine Synonyme geben kann.
    Danke für die schöne Besprechung!

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Eva, schade, Wäre doch schön gewesen, wenn wir uns persönlich kennengelernt hätten. Das finde ich immer ganz erfrischend.
      Ich stimme dem Nichts-Gedicht durchaus zu. Aber ich bin auch kaum in philosophischen Theorien unterwegs. Zudem ist es nur ein Auszug des Gedichts, in dem es weiter heißt:
      „Ein Vergleich ist überdies moralisch fragwürdig. Er birgt ein Urteil und Gewalt in sich. (Was sonst ist es, wenn man einem Kind sagt, es sei wie ein anderes Kind?) etc.
      Es geht vermutlich in diesem Fall um die Einzigartigkeit, die Unaustauschbarkeit.
      Liebe Grüße!

      Gefällt 2 Personen

      • Ja, das wäre schön gewesen. Es kommt sicher mal dazu.
        Adornos Aussage ist nur auf Kunst bezogen, und es geht da beim Vergleichen ja nicht darum, zu sagen eines sei wie ein anderes. Ich finde Vergleiche in dem Bereich oft erhellend, wenn sich Kunstwerke auf irgendeine Weise genug ähneln, dass ein Vergleich fruchtbar ist, sich im Vergleich aber ihre Einzigartigkeit zeigt. Im Vergleich erhellen sie sich wechselseitig.
        Im Menschlichen, und darauf scheint sich Ólafsson, wie Dein weiteres Zitat zeigt, ja zu beziehen, finde ich Vergleiche höchst toxisch. Am Anfang meines Blogs wollte eigentlich einen Beitrag über diesen Unterschied schreiben, weil mein Blogname den Vergleich so emphatisch enthält; das hat sich dann verlaufen. Vielleicht wäre Nichts wie Nichts ein guter Anlass, das nachzuholen.
        Leider gibt es den Gedichtband nicht in der AGB, ich muss ihn mir möglichst bald besorgen.
        Liebe Grüße
        Eva

        Gefällt 2 Personen

      • Das wäre schön, auf deinem Blog mehr darüber zu lesen. Ich finde das Thema auch spannend, fühle mich dann allerdings doch schnell überfordert. Deswegen habe ich wahrscheinlich nie so etwas studiert, sondern lieber Bücher verkauft. Aber ich finde es toll, das es Menschen gibt, die das gerne tun und es einem nahebringen!
        Elif ist ein kleiner Verlag aus Köln, der sicher über jeden Buchkauf froh ist. Der Verleger ist auch ganz glücklich, dass dieser Band nun bald in der zweiten Auflage kommt. Das ist bei Lyrik ein richtig großer Erfolg. Schönes Wochenende!

        Gefällt 2 Personen

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