Han Kang: Menschenwerk Aufbau Verlag

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„Anfang Dezember hatte ich damit angefangen zu schreiben, ohne irgendetwas anderes zu lesen oder mich mit jemandem zu treffen. Zwei Monate später, Ende Januar, wurde mir klar, dass ich so nicht weitermachen konnte.
Wegen meiner Träume.“

Die südkoreanische Autorin Han Kang, 1993 in Gwangju geboren, in Seoul lebend, kehrt mit diesem Roman an ihren Geburtsort zurück, der inzwischen als ein Ort der Gewalt und Massaker bekannt ist. 1980 wurden Studentendemonstrationen gegen die politische Unterdrückung blutig vom Militär auf Befehl der Staatsgewalt niedergeschlagen. Han Kang hat bereits mit ihrem ersten herausragenden Roman „Die Vegetarierin“ ein starkes, aber nicht leichtes Buch geschrieben – hier tut sie es wieder. Obgleich ein ganz anderes Thema, hört man auch hier ihren ganz eigenen Ton.

Ganz am Schluß des Buches steht obiges Zitat. Kang berichtet über die Zeit der Recherche und des Schreibens, und wie dieses Wissen sie in den Schlaf hinein verfolgte und zu Albträumen führte. Alles begann damit, dass sie von ihrer Familie erfuhr, dass in ihrem Geburtshaus ein Junge lebte, der beim Massaker getötet wurde. Offen darüber geredet wurde selten.

Kang besuchte auf den Spuren der Betroffenen die Gedenkorte in Gwangju und führte Interviews mit Überlebenden und Angehörigen, die auch in den Roman mit einfließen. Nicht alle schaffen es, darüber zu sprechen. Zu stark wird oft noch verdrängt. Sie lässt unterschiedliche Protagonisten zu unterschiedlichen Zeiten in den einzelnen Kapiteln erzählen: Ein Junge, 16 Jahre, der sich schuldig fühlte, weil er seinen Freund nicht schützen konnte, kommt zu Wort. Wir schauen ihm zu, wie er Angehörigen hilft, die Leichen zu identifizieren, die ganze Turnhallen füllen.

„Warum singt man die Nationalhymne für Menschen, die von Soldaten getötet worden sind? Warum werden sie in die Nationalflaggen eingehüllt? Es ist doch genau dieser Staat, der sie getötet hat.“

Und wir erfahren gleich im nächsten Kapitel, dass es bei einem weiteren nächtlichen Angriff auch ihn getroffen hat. Dass in einem Kapitel auch die Seele des ermordeten Jungen spricht, scheint ganz normal. Angehörige kommen zu Wort. Die Mutter des toten Jungen, die noch zwei weitere lebende Söhne hat, die aber gerade den Tod dieses unschuldigen Sohnes nicht aushält. Ein Überlebender, der jahrelang in Haft verbrachte, gefoltert wurde und plötzlich entlassen wird, der aber schwer ins Leben zurückfindet, weil das Trauma viel zu groß ist und die gefühlte Schuld, überlebt zu haben. So zieht sich die Spur der Gewalt bis ins Heute hinein, wird noch immer oft verdrängt. Kangs Roman spielt zu Aufarbeitung und Bewältigung vielleicht eine wichtige Rolle.

Han Kang findet einen Stimme, der die Betroffenen ehrt und ihnen ein Denkmal setzt. Obgleich klar und ungeschönt, begleitet immer auch ein zarter Ton die Geschichten. Sie  schreibt so, dass die Leser selbst mitfühlen können. Es ist ein Blick auf ein Land, der hiesigen Lesern fremde Geschichte nahe bringt. Ich freue mich auf weitere Romane von ihr. Ein Leuchten für diese Autorin!

„Menschenwerk“ erschien im Aufbau Verlag und wurde übersetzt von Ki-Hyang Lee. Einen aufschlußreichen Beitrag über Gwangju und Han Kangs Buch gibt es bei 3sat.
Zum Thema Süd/Nordkorea empfehle ich ebenfalls Anna Kims Roman „Die große Heimkehr“

Weitere Stimmen zum Buch bei:
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9 Gedanken zu “Han Kang: Menschenwerk Aufbau Verlag

  1. Hallo Marina,
    diese Rezension ist dir ganz toll gelungen! Ich höre das Buch zurzeit und musste aber eine Pause einlegen, weil es doch sehr krass ist, diese Gewakt so direkt ins Ohr zu bekommen. Und meistens ist es spät abends, wenn ich hören kann und dann flackern diese Bilder noch intensiver vor meinem geistigen Auge.
    Aber ich werde es beenden! Deine Meinung bestärkt mich darin.
    GlG und einen schönen Wochenstart wünscht
    das Monerl

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  2. Hallo Marina,

    dieses Buch war eines meiner Highlights dieses Jahres – vielleicht sogar DAS Highlight. Es hat mich sehr berührt und ich werde sicher noch lange darüber nachdenken. Ich habe seitdem mit vielen Menschen über das Buch gesprochen, und den meisten ist gar nicht bewusst, dass so etwas 1980 in Gwangju passiert ist.

    LG,
    Mikka

    Gefällt 1 Person

  3. Bisher mache ich noch einen Bogen um das buch, obwohl es mich von der Thematik her (auch als Ergänzung zu Anna Kim) sehr interessiert. Ich hatte aber doch arge Probleme mit der „Vegetarierin“, die ich trotz allseitigem Lob so gar nicht mochte. Mal sehen, ob ich das „Menschenwerk“ doch noch in Angriff nehme. Viele Grüße!

    Gefällt 1 Person

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