Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat Suhrkamp Verlag

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Zoltán Kertész, genannt Zoli ist ein Sonderling. Er lebt in armen Verhältnissen mit seinen Eltern in einem Dorf in Serbien. Zwischen hochsensibel und authistisch, würde ich sagen und vielleicht ein wenig verwirrt im Kopf von den Schlägen und „Unfällen“, die ihm zuteilwurden. Seine Leidenschaft ist das Lösen von Kreuzworträtseln, mit denen er auf seine Art in Sprache eintaucht. Eine Bäckerlehre soll er machen, doch der Meister hält ihn für unfähig und es rutscht ihm schon mal die Hand aus. „Zigeunerbastard! elender Lumpensammler! Hundesohn eines Analphabeten!“ Er schickt in als Hilfsarbeiter zum Mehlsackschleppen.
Als eines Tages der Jugoslawienkrieg ausbricht, schicken ihn die lieblosen Eltern zum Militär, froh ihn los zu werden.

„aber es ist doch Krieg, habe ich – ich habe es gesagt – ach was, du kommst in die Kaserne, die trainieren dich fit! und du wirst ein richtiger Mann, sagte meine Mutter mit flötender Stimme, ein richtiger Mann und ein Held, wie ihn die Lieder besingen, ja!“

Das so Einer“ aber beim Militär keineswegs gut aufgehoben ist, ahnt man und liest es dann auch.

„Nach den Schießübungen, nach den schlaflosen Nächten waren meine Zähne Stricknadeln, aber nicht die Stricknadeln meiner Großmutter, ich habe geklappert und nichts gestrickt, …“

Zoli findet einen Freund in der Kaserne, Jenð, der übergewichtig und deshalb auch Außenseiter ist. Als Jenð bei einem Gewaltmarsch, der sie auf den Einsatz an der Front vorbereiten soll, zusammenbricht und in Folge stirbt, kann auch Zoli nicht mehr weiter: Er tritt in Hungerstreik. Immer häufiger an epileptischen Anfällen leidend, wird er schließlich in ein Krankenhaus gebracht, dann als untauglich nach Hause geschickt.

Der Roman von Abonji ist am einfachsten über die Buchzitate aufzuzeigen. Sie stehen für die Art von Sprache, in der fast der ganze Text gehalten ist. Oft klingt hier Galgenhumor durch, wenn Zoli spricht, der auch eine sehr bildhafte beinahe kindliche Ausdrucksweise hat. Abwechselnd mit seiner Stimme, erzählt Hanna/Anna, die Cousine von Zoli, die ihm nah war, aber nun in Zürich lebt. Anna, die selbst psychisch nicht sehr stabil ist, begibt sich nach Zolis plötzlichem Tod auf seinen Spuren nach Serbien …

Auch „Tauben fliegen auf“, den Roman von Melinda Nadj Abonji, für den sie 2010 den Deutschen Buchpreis gewann, habe ich gern gelesen. Die Autorin wurde in Serbien geboren und lebt in Zürich. Das aktuelle Buch erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe und eine 10-Seiten-Lesung der Autorin gibt es hier.

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