Peter Handke: Die Obstdiebin Suhrkamp Verlag

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“ … noch und noch Erlebnisse, Ereignisse, Entdeckungen, Tag um Tag, wenn nicht stündlich, Augenblick um Augenblick – und eine Stunde danach, einen Augenblick danach, wie nie gewesen? Hauptmerkmal der jetzigen Zeit, der Gegenwart: schwache und immer schwächere Nachwirkungen, und zuletzt: überhaupt keine?“

Bei Handke-Texten habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass es letztendlich Selbstgespräche sind, innere Monologe, die aber aufgeschrieben werden müssen, um wirksam zu sein. Vielleicht sogar zur Selbstvergewisserung. Wenn es so ist, ist es ein großes Glück, sie lesen zu können. Seit sich im Sommer die „Niemandsbucht“ als große Spätentdeckung und Inspiration für mein eigenes Schreiben zeigte, freue ich mich, noch so viel Feines von Handke vor mir zu haben. Viele meinen, Handke würde immer das gleiche Buch schreiben. Dem kann man vielleicht sogar zustimmen – aber das macht gar nichts. Ich kann es vollkommen nachvollziehen, dass man sein Leben lang um eine Frage kreist, auf Antwortsuche geht. Daher auch die vielen Fragesätze, die dann sofort selbst beantwortet werden.

„Von einem dritten Nachbarn kam mir dann zu, der andere habe sich beklagt über mich: er fühle sich belästigt, wenn nicht bedroht von der Stille, die ihm entgegen komme aus meinem Haus und Garten, eine Art Stillebelästigung, Stilletortur.“

Peter Handke hat neben dem Haus in der Niemandsbucht inzwischen wohl auch eines in der Picardie. Sein Erzähler ist in „Die Obstdiebin“ aus der Pariser Vorstadt hinaus in die Picardie unterwegs. Wie immer mit dem Zug. Auch die „Obstdiebin“, eine junge Frau namens Alexia (Handkes ältere Tochter heißt Amina. Ist sie es? Oder eine Mischung aus Leocadie, der jüngeren und der älteren?), die viel auf Reisen ist, scheint ebenfalls diese Richtung eingeschlagen zu haben. Die Obstdiebin geht zu Fuß, lässt sich durch die Natur treiben. Beobachtet und durchblickt und ihre Sinne weiten sich.

„Sie wusste, schon vor dem Aufbruch, es wäre sogar ihre erste wirkliche Reise, von welcher irgendwo geschrieben stand, man erfahre daran,  >>was der eigene Stil sei<<.“

Einmal wohnt sie bei völlig Fremden einer Totenwache bei. Dann wandert Alexia einen Tag lang an der Seite eines unbekannten jungen Mannes. Sie begegnen einer verletzten Katze, einer menschenscheuen Dorflehrerin, die Krimis schreibt, einem alten Mann, der beim Nussknacken, in aller Genauigkeit von der Haselnussernte berichtet, Der Erzähler schenkt ihm über vier Seiten, und weiht uns ein in das Geheimnis der Noissettes.  Schließlich kommen sie am Abend vor dem Gewitter beim Herbergsvater unter. Sie bleiben miteinander bis zum „Akt“, einer göttlichen, keineswegs banalen fleischlichen Vereinigung. (Traum der Obstdiebin?)  Am anderen Morgen ist er verschwunden und wir hören dann den Wirt minutenlang über das Zuknöpfen seines Sonntagshemds lamentieren. Die Obstdiebin jedoch zieht weiter in Richtung des nahe zu findenden Bruders, nicht ohne wie bei ihr üblich, Abschied zu nehmen, in dem sie einige Schritte rückwärts geht. Ein Kampf mit sich selbst folgt und dann die Begegnung mit dem Bruder. In aller Eile kommt der Erzähler dann mit einem Familientreffen, einem Fest, das nicht näher erläutert wird, zum Ende: Beide Elternteile halten eine wirre Rede, die durch Zwischenrufe befeuert wird (Wer ruft?). Seltsam. Ewig seltsam

Der Erzähler scheint unbedingt ein großer Anhänger, ja Verehrer der Obstdiebin zu sein. Eigentlich alles was sie tut, ist gut und geschieht aus ihrer Besonderheit heraus. Keiner kommt an sie heran. So könnte natürlich ein Vater von seiner geliebten Tochter schwärmen. Vielleicht ist es der Erzähler/der Autor ja auch. Sie, die innerlich Zerrissene, die in ihrer Heillosigkeit Hilfe sucht, erhält sie vom Erzähler. Man merkt, wie er sie durch seine Worte beschützen will, Unheil von ihr abwenden will („Schert euch weg aus der Geschichte, Bibelbilder …“).

Es gibt wunderbare Sequenzen, die den Beobachter Handke zeigen:

„Auf der Brüstung der eine dort nachts abgelegte Apfel, mit dem Stengel nach oben, die Stengelmulde gefüllt bis obenhin mit Regenwasser.“ […] „Der Morgenglanz, sonntäglich, auf dem Apfelrund …“

Für solche Wortbilder liebe ich ihn. Als Handke-Treue mag ich das neue Buch. Aber es ist nicht überwältigend. Ich habe Trefflicheres von ihm gelesen …

Wie fast alle Handke-Bücher erschien „Die Obstdiebin“ im Suhrkamp Verlag, der auch eine schöne Sonder-Seite zu Handkes 75. Gebeurtstag gestaltet hat. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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4 Gedanken zu “Peter Handke: Die Obstdiebin Suhrkamp Verlag

  1. „Von einem dritten Nachbarn kam mir dann zu, der andere habe sich beklagt über mich: er fühle sich belästigt, wenn nicht bedroht von der Stille, die ihm entgegen komme aus meinem Haus und Garten, eine Art Stillebelästigung, Stilletortur.“ Schon allein dieses Satzes wegen, muss ich mir das Buch holen. Danke für deine wunderbare Rezension.

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