Hans Pleschinski: Wiesenstein C. H. Beck Verlag

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Der neue Roman von Hans Pleschinski begleitet wieder einen deutschen Schriftsteller durch eine Phase seines Lebens. Er ist ganz nach meinem Geschmack. Bereits mit „Königsallee“ hat der Autor mich für sich eingenommen, als er eine Episode aus Thomas Manns Leben erzählte, eine nach dem 2. Weltkrieg in Düsseldorf spielende unerwartete Begegnung mit einem ehemaligen Freund (und Geliebten?). Auch der Roman „Ludwigshöhe“ gefiel mir, in dem drei Geschwister ein Haus erben, allerdings nur mit der Auflage, es in ein Heim für Lebensmüde umzuwandeln.

Und nun „Wiesenstein“. Der Turm des Hauptmann´schen Anwesens in Schlesien ist auf dem Cover abgebildet. Gemälde aus der Empfangshalle, die 1922 entstanden von Johannes Avenarius sind im Buch abgedruckt.
Kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs ist der über 80-jährige mit Frau, Sekretärin und Masseur auf der Reise aus dem zerbombten Dresden gen Osten ins Riesengebirge, ohne zu wissen, ob dort bereits die russischen Truppen angekommen ist.

Und, hier fügt sich einmal mehr eins ins andere, auch Pleschinski erzählt, so wie erst kürzlich Uwe Timm in „Ikarien“, von der anfänglichen Eingenommenheit Hauptmanns für die Idee des gesunden Deutschen, die vom Rassenhygieniker Alfred Ploetz dann auch weitergetragen wurde – Hauptmann wendet sich immerhin davon wieder ab. Auch Barbara Zoeke widmet den Hauptmann-Brüdern in diesem Zusammenhang eine kurze Episode in ihrem starken Roman „Die Stunde der Spezialisten“.

Überhaupt ist das wieder so ein feines Buch, das einem einen Schriftsteller von einer anderen Seite zeigt, Interesse weckt, sich abseits von „Bahnwärter Thiel“ und „Die Weber“ an einem Werk lesend zu versuchen: „Atlantis“, 1912 entstanden, in dem es um einen beinahe hellseherischen Schiffsuntergang geht (kurz danach sank die Titanic auf ähnlicher Strecke).  Man kann den Roman sogar kostenlos online – Projekt Gutenberg – lesen. Ebenso den 1924 entstandenen Roman „Die Insel der großen Mutter“, in dem Hauptmann die Idee eines mystisch-matriarchalen Frauenstaats auf einer einsamen Insel ausarbeitet. Für mich ein sehr überraschendes und mehr als interessantes Unterfangen. Die Gedichte Hauptmanns hingegen, die an manchen Stellen in den Text eingefügt sind, können mich nicht überzeugen.

Kaum vorzustellen ist es, dass Hauptmann mit Frau Margarete auf „Wiesenstein“ selbst in Kriegszeiten so fürstlich leben konnten. Es mangelte fast bis zuletzt an nichts. Es gab noch immer den Gärtner, die Köchin, den Diener in Livree. Erst da wird mir klar, wie berühmt und wie gut bezahlt (und von gewisser Seite aus geschützt?) Hauptmann wirklich war, seine vielen Stücke liefen gut, als Schriftsteller war er weit über die Grenzen hin bekannt und eben auch Nobelpreisträger für Literatur. Dabei hat er sich nie zum aber auch nicht wirklich gegen den Nationalsozialismus bekannt. Er war in vielen Dingen ein Mann, der sich nicht festlegen wollte.

„Was ein Volk der Dichter und Denker und der überwältigenden Mehrheit vielleicht schlichter, aber nicht bösartiger Gemüter hätte sein können, zeigte sich nun als Rotte aus der Vorzeit, wütend, verblendet, hasserfüllt.“

Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Pleschinski seine Geschichte. Der junge Masseur, der zum ersten Mal den schönen Künsten begegnet und durch den der Leser Textauszüge aus Hauptmanns Werken kennen lernt. Der Jurist Behl, der sich um die Sicherung von Hauptmanns Schriften kümmert. Der Gärtner, der mit seinen Pflanzen „dichtet“. Die wenigen Besucher, die zum Tee, echtem!, kommen und um jeden Preis vermeiden wollen, über das Unheil zu reden – „Nichts vom Krieg“. Die Frau des Hauses, Margarete, die Dichtergattin, die seinerzeit selbst Künstlerin war und die trotz der schlechten Augen, alles sieht und voll hinter dem Ehegatten steht. Die Sekretärin, die mit Hauptmann zusammen Korrekturen der älteren Werke vornimmt. Gerade diese verschiedenen Blickwinkel ermöglichen es dem Autor dem Leser alles wissenswerte über Gerhart Hauptmann mitzuteilen, ohne trocken zu referieren.

„Aber werden sich spätere Generationen, die neu leben, immer mit dem Unreich befassen wollen? Vielleicht, und sie sollten es tun, um für ihr eigenes Wohlergehen und zu ihrer eigenen Sicherheit daraus zu lernen. Die Schicksale müssen bekannt werden und bekannt bleiben.“

Die Nachkriegszeit mit ihren Plünderungen und Vertriebenen weiß Pleschinski trefflich aufzuzeigen. Und bevor auch Gerhart Hauptmann seinen Wohnsitz in Agnetendorf, nun das polnische Jagniątków, verlassen muss, stirbt er am 6. Juni 1946 umgeben von nahen Menschen.

Neugierig bin ich geworden. Und wenn das ein Roman erreicht, ist es ein großes Glück. Vielleicht besichtige ich dann doch beim nächsten Hiddensee-Besuch das Hauptmann-Haus, dass mich bisher vor allem wegen der besonders schönen Lage interessierte und in dem der Schriftsteller hauptsächlich auch an „Die Insel der großen Mutter“ schrieb.
Ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt. Ein Leuchten!

„Wiesenstein“ erschien im C. H. Beck Verlag. Mehr über Buch und Autor gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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10 Gedanken zu “Hans Pleschinski: Wiesenstein C. H. Beck Verlag

  1. Meine liebe,

    Du hast mir eben Lust gemacht, auch die „Insel der großen Mutter“ zu lesen. Vielen Dank!

    Liebe Grüße aus dem Goethe-Haus,

    Thomas

    Dr. Thomas Schmuck
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter

    Klassik Stiftung Weimar
    3 Direktion Museen
    Burgplatz 4, D-99423 Weimar | PF 2012, D-99401 Weimar

    Telefon +49 3643 545-385 | Telefax +49 3643 545-454 | E-Mail Thomas.Schmuck@klassik-stiftung.de
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  2. Ich muss zugeben, dass ich noch gar nichts von Hauptmann gelesen habe. Das muss ich nachholen.
    Aber von Pleschinski habe Königsallee gelesen. Ich bin noch etwas unschlüssig mit diesem Buch. Auch die Familie meines Vaters kommt aus Schlesien. Und ich weiss nicht recht ob ich es deshalb lesen, oder deshalb nicht lesen soll. Denn Hauptmanns Geschichte unterscheidet sich doch eklatant von der meiner Familie.
    Viele Grüße
    Silvia

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    • Liebe Silvia, das könnte in der Tat sehr nahe gehen. Es steht zwar Mensch und Schriftsteller Hauptmann im Vordergrund, aber die Bevölkerung und der Umbruch wird schon auch erwähnt. Ich würde mal reinlesen und dann abwägen. Bist du denn mit Geiger weitergekommen?
      Viele Grüße, Marina

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      • Ich komme weiter, bin aber immer noch nicht durch. Ich habe heute morgen die Beschreibungen über das zerbombte Darmstadt gelesen und musste wieder eine Pause einlegen. Die verschiedenen Perspektiven und die Art wie es geschrieben ist, versetzen mich regelrecht in diese Zeit. Ich muss immer wieder Pausen einlegen. Sehr intensives Leseerlebnis. Von daher sollte ich Wiesenstein auf jeden Fall noch etwas zurückstellen.

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  3. Beim Durchblättern der Vorschauen fiel mir der Roman bereits ins Auge, jetzt werde ich ihn wohl lesen müssen, weil Du mich sehr neugierig machst mit Deiner wundervollen Besprechung. Immer wieder spannend, wie das Leben von Literaten selbst zur Literatur wird. Ein Besuch im Hauptmann-Haus kann ich Dir sehr empfehlen. Ach, Hiddensee, würde sehr gern wieder dort sein, selbst oder vielleicht gerade auch im Winter. Viele Grüße

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  4. Ich war auch im Hauptmannhaus in Erkner. Eine schillernde Figur der Literaturgeschichte, die nun jenseits der Klassiker (Weber, Hauptmann….) mehr Beachtung mit anderen Werken findet. Danke auch für den Tipp zum Gutenbergprojekt.

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