J. J. Voskuil: Abgang/Der Tod des Maarten Koning Das Büro 6/7 Verbrecher Verlag

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„Du kriegst vierundzwanzig Stunden, um ihn auszutrinken. Dann hast du dich von uns gelöst. Und dann fängst du ein neues Leben an, mit der ersten Seite eines Romans, der „Das Büro“ heißen wird.“

Wie recht doch Maartens Kollege hat mit dieser Annahme. In der Tat begann Voskuil im Vorruhestand mit seinem Mammutwerk. Obiger Satz steht am Ende des 6. Bandes mit dem Titel „Abgang“. Jetzt geht es dem Ende entgegen. Schade, sehr schade! Wer glaubt, 5ooo Seiten Büroalltag sollten doch reichen, der liegt bei Voskuil ganz falsch. Der Niederländer hat über sein Büro-Leben in Amsterdam so großartig geschrieben, dass man auch nach Band 7 noch denkt, es könnte endlos so weitergehen.

Es sind schon recht traurige Bände, die beiden letzten. Krankenhaus-, Pflege- und Altenheimbesuche in der Freizeit und große Veränderungen im Büro. Der Tod von Beerta, von Nicoliens Mutter und dann trifft es sogar den Freund Frans Veen, der seiner Krebskrankheit erliegt. Im Büro übernimmt Maarten für einige Monate übergangsweise den Direktorposten, da Jaap Balk in den Ruhestand geht. In einer wirren Aktion wird schließlich ein junger eloquenter Mann Balks Nachfolge antreten und Computer werden im Büro eingeführt. Maarten muß wieder hart um seine Standpunkte bezüglich des Verständnisses seines Fachs und seiner Abteilung kämpfen und sich mit intriganten Aktionen der anderen Abteilungen auseinandersetzen.

Und dann kommt auch Maartens Abschied, schneller als sich der Leser das wünscht. Zwar möchte er keine Verabschiedung und keine Geschenke, doch die Abteilung lässt ihn so ganz ohne nicht gehen:

 

Im Abschlußband „Der Tod des Maarten Koning“ wird es sehr still und der Leser kommt Maarten noch einmal richtig nah. Weitab vom Büroalltag widmet er sich dem Rentnerleben. Er repariert, kauft ein, geht spazieren, macht Ausflüge mit dem Rad, mal alleine, mal mit Nicolien, die sich erst an Maartens Zuhause-Sein gewöhnen muss.

„Ich möchte davon nicht melancholisch werden.“
„Ach, das Älterwerden, ich kann das nicht ertragen.“
Er ergriff ihre Hand.
„Wenn man bedenkt, wie viele Erwartungen wir damals noch an das Leben hatten“, sagte sie. „Und was ist davon übrig geblieben? Ich könnte heulen.“

In diesem Band blickt man erst richtig in Maartens Seele. Die kleinen Glücksmomente sind es, die für ihn das Leben ausmachen. Und für die hat er nun endlich Zeit.

„Wenn dies nun einmal der Sinn des Lebens wäre: die Beobachtung  kleiner Variationen in immer demselben kleinen Teil der Welt, in dem man zufällig lebte. […]
Das ist genug, dachte er. Mehr brauchte er nicht.

Ab und an geht er noch mal ins Büro und tippt an Beertas altem Schreibtisch einen Brief oder einen letzten Vortrag. Schnell ändert sich dort alles und man fühlt mit Maarten mit. Dieses Gefühl an einem Arbeitsplatz, an dem man so viel Lebenszeit verbracht hat, plötzlich ein Fremder, gar unerwünscht zu sein. Besonders von Ad, mit dem er jahrelang im selben Büro saß, wird Maarten extrem enttäuscht …

„Er wurde nicht nur nicht vermisst, seine Besuche und die Erinnerung an früher irritierten. Es war deprimierend, auch wenn er es tief in seinem Inneren schon länger und nicht erst seit heute gewusst hatte.“

So ist der Buchtitel denn auch in erster Linie symbolisch zu verstehen, denn sein eigenes Begräbnis erlebt Maarten am Ende des Buches zumindest erst mal nur im Traum.

Gut, dass Maarten alias Voskuil Tagebuch schrieb, denn aus nichts anderem entstand dieser außerordentliche fabelhafte Romanzyklus, den Gerd Busse trefflich übersetzt hat und den der Verbrecher Verlag sehr engagiert in Deutschland verlegt hat. Herzlichen Dank an Gerd Busse für die Fotos.

Es fällt mir unheimlich schwer vom „Büro“ Abschied zu nehmen. Als Leserin verwurzelte ich mich zwischen den vielen Seiten und ich werde Maarten vermissen.
Ein 7-bändiges Leuchten!

 

Hier gehts zu meinen Besprechungen der anderen Bände in chronologischer Reihenfolge:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/12/05/j-j-voskuil-direktor-beerta-das-buero-1-verbrecher-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/10/j-j-voskuil-schmutzige-haendeplankton-das-buero-23-verbrecher-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/02/02/j-j-voskuil-das-a-p-beerta-institut-das-buero-4-verbrecher-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/07/18/j-j-voskuil-und-auch-wehmuetigkeit-das-buero-5-verbrecher-verlag/

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6 Gedanken zu “J. J. Voskuil: Abgang/Der Tod des Maarten Koning Das Büro 6/7 Verbrecher Verlag

  1. Ich sollte langsam auch mal anfangen. Band 1 liegt nun schon so lange bei mir herum, der ruft mich schon die ganze Zeit.

    Auf jeden Fall waren deine Beiträge zu den 7 Bänden sehr schön zu lesen und gaben einen Eindruck, wie gern du dieses Werk durchpflügt hast. Danke dafür. Diese Beiträge sind auch abgespeichert, um dann meine Meinung kundzutun.

    Gefällt 1 Person

    • Ich habe dabei festgestellt, dass man mit der Zeit einen Leseflow bekommt, weil man tiefer eintaucht, als in ein kürzeres Buch. Am besten sogar, man liest mehrere Bücher gleich nacheinander.
      Viel Spaß, du Glücklicher hast alles noch vor dir!

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