Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen Hanser Verlag

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Anja Kampmann ist mir als Lyrikerin bereits bekannt. Nach ihrem Lyrikdebüt 2016 liegt nun ihr Romandebüt vor mir und ich freue mich, dass sie beides kann – Lyrik und Prosa.

Ihr Roman beginnt auf einer Ölbohrinsel im Meer vor Marokko. Wir lernen die Arbeiter kennen, die draußen hoch überm Wasser ihre harte Arbeit verrichten. Kampmanns Blick fällt auf Waclav/Wenzel, der aus Polen kommt und auf seinen Freund Matyás, der nach einer Unwetternacht plötzlich verschollen ist. Es wird sofort von seinem Tod ausgegangen. Beweise dafür gibt es nicht. Wenzel, der mit ihm das Zimmer teilte, und mit ihm schon seit Jahren im Team auf den Bohrinseln verschiedenster Erdteile arbeitete, der sein Freund war, wird beurlaubt und reist nach Ungarn, in die Heimat von Matyás. Wenzel übergibt die wenigen privaten Dinge Matyás` Schwester.

„Auch dieses Ungarn würde vorbeigehen, er hatte zu viele Orte gesehen in den letzten zwölf Jahren, und nur zu Beginn hatte diese Ferne ihn noch erleichtert.“

Doch er beginnt nicht wie geplant mit dem nächsten Dienst auf der Bohrinsel; aus der Bahn geworfen vom Tod des Freundes reist er zu den Orten, an denen er früher mit Matyás war, lässt sich treiben. So geht es nach Tanger, Rom, nach Malta und dann wieder nordwärts, sich seiner Einsamkeit und Haltlosigkeit immer mehr bewusst werdend. Per Anhalter nach Norditalien und dann zu Fuß macht er sich auf die Suche nach dem Onkel, mit dem ihn schöne Kindheitserinnerungen verbinden. Und für den Onkel, einem Brieftaubenhalter, fährt er kurz darauf, mit dem Versprechen seine beste Taube vom Ruhrpott in Deutschland auf die lange Reise zurück zu schicken, Richtung Heimat. So fährt er schließlich mit einem alten Pickup los und über die Berge in die namenlose deutsche Stadt, ins Braunkohlerevier, in dem auch Wenzels Vater arbeitete, bis er früh verstarb. Von Anfang an taucht zwischendurch immer wieder der Name Milena auf. Mit ihr war Wenzel zusammen, bevor er zum Arbeiten auf die Bohrinsel kam. Mir ihr wollte er in Polen zusammenleben, Haus und Kind haben. Die Beziehung scheiterte und scheint noch immer nicht abgeschlossen zu sein, trotz der vielen Jahre, die seither vergangen sind. Angekommen in der vertrauten und doch fremd gewordenen Stadt erfährt er dann auch neues über Milena und begibt sich ohne Zögern auf die Reise in jenes polnische Dorf …

„In dieser Nacht war er zweiundfünfzig Jahre alt geworden. Es gab keinen Rasen, den er mähen musste, und dieser Rasen umschloss kein Haus, gefüllt mit Stimmen und vertrauten Gerüchen.“

Der Autorin gelingt es bestens die Atmosphäre darzulegen: die Härte auf See, auf der Bohrinsel mit dem rauen Klima der Arbeiter und dazwischen immer wieder die Verlorenheit der freien Wochen, in denen die Zeit nicht reicht eine private nähere Beziehung aufzubauen oder zu halten. Die vielen Reisen von Insel zu Insel, das wochenlange abgekapselt sein, die Gefahr, die immer dabei ist.

„Er dachte, es wäre leicht, nach Dingen zu suchen. Er dachte, dass er etwas in der Ferne gesucht hatte, aber dass dort nichts war. Nichts für Menschen.“

Der Roman ist ein Roadmovie, ein Roman über Wanderarbeiter, wie es sie auch heute noch gibt – ein ungewöhnliches Thema, das die Autorin hier wählt. Kampmann hätte daraus auch ein Lang-Gedicht machen können, so lyrisch drückt sie sich aus. Verkapselte Sätze, Zeilenumbrüche und Metaphern, Zeitsprünge, die gut als Gegenpol zur kargen melancholischen Ausstattung des Inhalts passen. Ich kann mich daran gar nicht satt lesen, an dieser wertvollen Sprache. Manchem mag das zu verrätselt wirken, vor allem plotorientierten Lesern, für mich ist gerade das der Reiz und die Möglichkeit, das Eigene mit einzubringen. Ein Leuchten!

Anja Kampmann ist mit ihrem Debütroman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Roman und auch ihr Lyrikdebüt erschienen im Hanser Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier .
Außerdem:
http://www.zehnseiten.de/de/buecher/detail/anja-kampmann-wie-hoch-die-wasser-steigen-652.html

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12 Gedanken zu “Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen Hanser Verlag

  1. […] „Der Roman ist ein Roadmovie, ein Roman über Wanderarbeiter, wie es sie auch heute noch gibt – ein ungewöhnliches Thema, das die Autorin hier wählt. Kampmann hätte daraus auch ein Lang-Gedicht machen können, so lyrisch drückt sie sich aus. Verkapselte Sätze, Zeilenumbrüche und Metaphern, Zeitsprünge, die gut als Gegenpol zur kargen melancholischen Ausstattung des Inhalts passen. Ich kann mich daran gar nicht satt lesen, an dieser wertvollen Sprache.“ (literaturleuchtet) […]

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