Frank Heller: Die Diagnosen des Dr. Zimmertür Walde + Graf Verlag

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Ich lese ja keine Krimis. Doch das hat mich schon interessiert: Eine außergewöhnlich schöne Gestaltung für einen Krimi und ein jüdischer Psychoanalytiker als „Ermittler“. Und solche Wiederentdeckungen ehemals bekannter Autoren finde ich spannend.

„Der Kellner holte den Absinth und servierte dann einem Herrn mit gelbem Teint, der sich in der Ecke gegenüber niedergelassen hatte, einem kleinen, prallen Mann mit Vollmondgesicht, funkelnden schwarzen Augen und unverkennbar levantinischem Typus.“

Dr. Zimmertür ist eine Mischung aus Hercule Poirot, Maigret, Richter Di und Columbo. Er lebt in Amsterdam und hat dort eine Praxis für Psychoanalyse. Es sind mehrere kurze Fälle im Buch, die von Zimmertür so richtig oldschool gelöst werden. Also mit Köpfchen, Intuition und Menschenkenntnis und es geht auch nicht um blutrünstige Morde und psychopathische Killer. Die Geschichten sind spannend, aber vor allem amüsant. Dabei kommt vom Wünschelruten gehen bis zu Baudelaire-Gedichten, die Zimmertür zitieren kann, so allerhand vor. Manchmal braucht es Shakespeare-Stücke, um einen Fall zu lösen, manchmal sind die Träume seiner Patienten der Schlüssel. Oft hilft er seinem Freund, dem Kommissar Groot, mit dem er auch gerne einen Bitter trinken geht.

„Er konstatierte, dass, wenn nichts so angenehm ist, als im dunkeln gehenkt zu werden, es jedenfalls auch recht unangenehm ist, im Dunkeln von Personen, die vermutlich für die erwähnte Todesart reif sind, hin und her geschleudert zu werden.“

Frank Heller, eigentlich Martin Gunnar Serner, wurde 1868 in Südschweden geboren. Er war einer der ersten skandinavischen Kriminalschriftsteller. Der Autor, der diese skurrile Figur erschuf, ist kaum mehr bekannt. Damals jedoch, hatte er die besten Voraussetzungen einen guten Krimi zu schreiben, da er selbst wegen Betrugs verfolgt wurde. Er konnte außer Landes fliehen und verspielte sein Geld in Monte Carlo. Über seine eigene Geschichte schrieb er und sie wurde sogar verfilmt. In der Weimarer Republik hatte er sehr viele treue Leser. Zitat Tucholsky: „Gegen Angstzustände gibt es nur unsere Original-Heller-Kriminalromane! Regenfeste Ironie! Dauerhafte Spannung!“

Das Buch erschien im Verlag Walde + Graf. Übersetzt hat es Marie Franzos, die zu ihrer Zeit eine der produktivsten Übersetzerin vom Dänischen, Schwedischen und Norwegischen ins Deutsche war.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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5 Gedanken zu “Frank Heller: Die Diagnosen des Dr. Zimmertür Walde + Graf Verlag

  1. Das klingt spannend.
    Ich möchte auch darauf eingehen, was Du im folgenden schriebst:
    „Der Autor, der diese skurrile Figur erschuf, ist kaum mehr bekannt.“
    Durch Zufall sties ich gestern auf einen Artikel des Guardian, in dem das totale Vergessen von Komponistinnen zum Thema gemacht wurde:
    https://www.theguardian.com/music/musicblog/2018/mar/08/settling-the-score-celebrating-the-women-written-out-of-the-musical-canon

    Gefällt 1 Person

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