Céline Minard: Das große Spiel Matthes & Seitz Verlag

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„Die einzige Grenze ist der Tod.“

Anfangs erinnerte mich Minards Roman in manchen Szenen an „Gehen“ von Tomas Espedal. Es ist ein Buch, dass von einer Herausforderung erzählt, vom Leben in Extremen, exzessiv und intensiv, von der Fortbewegung und irgendwie auch von der Suche nach dem Sinn.

Unter den neuartigen Begriff des Nature Writing könnte man das Buch stellen, wobei es auch ein Humans Writing ist. Denn Minard taucht auf dem Umweg über die Natur, in das Aushalten des Alleinseins, in ihr eigenes Ich ein. Und das ziemlich bewundernswert. Dieses sich vollkommen der Einsamkeit aussetzen ist ziemlich mutig. Dabei überschreitet ihre Protagonistin Grenzen, wenn sie allein auf gefährlichen Klettersteigen an Steilwänden hängt oder über dreißig Stunden am Stück im selbst angelegten Garten arbeitet, weil sie das Zeitgefühl völlig verliert und erst an der eigenen Erschöpfung merkt, dass es Zeit ist für eine Ruhepause.

„Identität ist kein Zustand, sondern ein aktives Handeln. Und das Leben: ein Zustand oder aktives Handeln? Lebendig sein.“

Minard hatte eine ungewöhnliche Idee und erzählt eine außergewöhnliche Geschichte. Irgendwo in den französischen Bergen auf 2800 m Höhe stellt ihre Protagonistin auf gekauftem Land eine kleine Behausung auf, die nur das allernötigste bietet. Sie versucht sich dort selbst zu versorgen. Einziger Luxus ist das mitgebrachte Cello. Von dort aus plant sie ihre Streifzüge durch die Bergwelt. Sie begibt sich allein auf Wanderungen ja Klettertouren und scheut kein Risiko. So wie Minard das beschreibt, was sie erlebt, hört es sich oft nach anderen Bewusstseinszuständen, nach tiefen Verbundenheitsgefühlen an. Mit der Natur. Mit Gott oder wie auch immer man es nennen will, mit etwas Größerem. Immer wieder stellt sie sich und damit auch dem/r Leser/in existenzielle Fragen.

„Ich verstehe >betrachten was kommt, sich damit begnügen< als einen Akt der Weisheit. Die urteilsfreie Beschreibung ohne Neigung ist vielleicht die einzig notwendige Disziplin. Wofür? Um die Welt zu empfangen.“

Was dann passiert, als das Fremde in Form einer nicht klar benennbaren Person in ihre Idylle, in ihr Reich eindringt, ist schon ein wenig gruselig. Ist es echt oder Einbildung? Die Seele einer Verstorbenen? Ein Guru? Eine Abgesandte des Göttlichen? Oder ist das eigene Fremde, dass in uns allen wohnt gemeint? Die dunkle, die unbekannte Seite?

Mit der Zeit hat die Erzählerin vor allem mit den Wetterwidrigkeiten zu kämpfen. Alles wird klamm, die Behausung, die Kleider. Unmut kommt auf. „Jetzt kannst du loswettern“. Auch ein heftiges Gewitter – die Naturgewalten zwingen sie in die Knie, doch sie gibt nicht auf. Sät, erntet, sammelt Holzvorräte. Irgendwann befindet sie sich in einem Höhenrausch oder ist es ein alkoholischer, ein Drogentrip? Oder ist es die Essenz der Existenz, die sie erlebt, die Verbindung mit allem, das All-eins-sein, die Transzendenz? Dabei ist dies alles sogar nur die Vorbereitung auf das wirkliche „Große Spiel“.

Und dann der wunderbare Abschlußsatz, der mir irgendwie sehr gefällt, denn das Leben ist ein großes Spiel:

„Wie könnte einer die Welt empfangen, der sich nicht selbst zum Einsatz des Spiels macht?“

Ein Buch, dass aus Fragen besteht, sehr essentiellen, philosophischen, spirituellen. Die Antworten darf man bei sich während und nach der Lektüre mitsuchen … Ein Leuchten!

Céline Minards Roman erschien im Verlag Matthes & Seitz und wurde von Nathalie Mälzer aus dem Französischen übertragen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Weitere spannende Besprechungen dazu gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten und auf Poesierausch.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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5 Gedanken zu “Céline Minard: Das große Spiel Matthes & Seitz Verlag

  1. Liebe Marina,
    ich bin schon ganz gespannt auf den Roman. Nun hat sich erst einmal Irvin Yaloms Biografie dazwischengedrängelt. Aber dann möchte ich auch in die einsame Bergwelt reisen und schauen, wie es der Protagonisten da in ihrer Wohnröhre ergeht. Ein bisschen erinert mich die Geschichte ja immer an Marlene Haushofers „Die Wand“, auch wenn in Minrads Roman die Protagonistin ihre Bergeinsamkeit selbst auswählt. So wie du die Erlebnisse und Eindrücke der Erzählerin beschreibst, geht ja auch um die Eindrücke, die offensichtlich etwas von einem Drogentrip haben. Ob das etwas damit zu tun hat, dass der Mensch doch nicht zur vollständigen Einsamkeit „gemacht“ ist?
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 1 Person

    • Ich würde es so interpretieren: Man kann in der Einsamkeit mit sich selbst an Grenzen stoßen und darüber hinausgehen. Was ja meist von Zeitgenossen ausgebremst wird. Für mich geht es eher um die inneren Erlebnisse und die Möglichkeit (ohne Drogen) nur aus sich selbst heraus in andere Bewusstseinszustände zu kommen, gerade weil man auf sich geworfen ist. Zudem schaltet Minard hier noch eine herausfordernde Zwischeninstanz ein. Bin gespannt, was du sagst …
      Viele Grüße
      Marina

      Gefällt 1 Person

      • Deine Interpretation gefällt mir gut, dass nämlich die Bewusstseinserweiterung nicht von außen kommt, sondern sich aus dem eigenen Erleben in dieser einsamen und unwirtlichen Welt ergibt. Das hört sich sehr stimmig an und passt gut zu den Eindrücken, die ich aus den Radiorezensionen gewonnen habe, die ich bisher zu Minrads Roman gehört habe. – Ich bin auch gespannt, ob und wie mir der Roman gefällt. Jedenfalls hat mich deine Besprechung noch einmal positiv motiviert.
        Liebe Grüße, Claudia

        Gefällt 1 Person

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