Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende Klett-Cotta Verlag

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„Man ist ja hilflos wie ein kleines Kind. Wer hätte das denken können? Mitten in Europa – im zwanzigsten Jahrhundert!“

Ohne große Einführung beginnt in diesem wiederentdeckten Roman aus dem Jahr 1938 sofort das Grauen. Als Leser lässt sich dann durchgängig bis zum Ende kein Atem mehr schöpfen. An einem Stück und vollkommen absorbiert habe ich die Geschichte von Otto Silbermann gelesen. Boschwitz schrieb sie gleich nach den Novemberprogromen in Deutschland. Veröffentlicht wurde sie jedoch zunächst erst in England, in den USA und sogar in Frankreich.

Der Verleger Peter Graf hat es nun möglich gemacht, dass das Buch in Deutschland zu lesen ist, also in der Originalsprache. Graf lektorierte, so wie es auch der Wunsch des jungen Autors war, der in tragischer Weise umkam, kurz nachdem er aus Deutschland geflohen war.

Von heute auf morgen ist Silbermann ein Mann auf der Flucht. Seine Wohnung wird gestürmt und verwüstet. Seine arische Frau flieht zu ihrem Bruder aufs Land. Sein Geschäftspartner betrügt ihn und nutzt seine heikle Situation aus. Am Namen erkennt man sofort die jüdische Herkunft. Doch am Aussehen nicht. Das schützt Silbermann zunächst und er distanziert sich zeitweise sogar von seinen jüdischen Bekannten. Zu Anfang noch voller Hoffnung, macht sich Silbermann per Zug auf den Weg Richtung Belgien. Er will zu seinem Sohn nach Paris, der erfolglos versuchte ein Einreisevisum für seine Eltern zu bekommen. Doch trotz des Geldes, dem ausgezahlten Geschäftsanteil, schafft Silbermann nicht die Flucht ins Ausland. So fährt er getrieben mit der Bahn durch das Land, übernachtet in Zügen und die Begegnungen dabei sind ganz unterschiedlicher Art.

„Ein Mensch, dachte Silbermann froh. Das war unbedingt ein Mensch, trotz seines Parteiabzeichens. Es ist vielleicht gar nicht so schlimm. Leute, mit denen man Schach spielen kann, die verlieren, ohne beleidigt zu sein oder frech zu werden, sind schwerlich Räuber und Totschläger.“

Meisterhaft erzählt Boschwitz von der Hin- und Hergerissenheit Silbermanns. Er, der für Deutschland im ersten Weltkrieg gekämpft hat, kann nicht glauben, dass er plötzlich kein Deutscher mehr sein soll. Doch seine Umgebung, die Menschen spiegeln ihm genau das.

Als seine Aktentasche mit dem Geld gestohlen wird, ist es aus mit Silbermanns Selbstbeherrschung. Er stürmt ins Polizeirevier und will eine Anzeige aufgeben und deckt damit gleichzeitig seine Identität auf. Er fordert sein Recht, dass es für seinesgleichen längst nicht mehr gibt. So nimmt ihn auch keiner der Beamten ernst. Er wird sogar wieder weggeschickt. Als die allerletzte Chance zur Flucht außer Landes kommt, ist es jedoch zu spät …

Genaueres über dieses Buch zu erzählen, ist nicht notwendig. Man muss es selbst lesen, dann spürt man es. Und das ist das Wichtigste bei diesem Buch. Das Mitfühlen, das sich hinein versetzen in diese Lage … das Fühlen, was der Gejagte, Unerwünschte, Verachtete fühlt. Ich empfehle die Lektüre nachdrücklich!

Der Roman erschien im Klett Cotta Verlag. Peter Graf als Herausgeber und Lektor hat ein aufschlussreiches Nachwort dazu geschrieben. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ich danke dem Kaffeehaussitzer für seine Besprechung und damit die Anregung zur Lektüre. Danke auch an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

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9 Gedanken zu “Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende Klett-Cotta Verlag

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