Lyrik aus dem Verlagshaus Berlin: Martin Piekar: AmokPerVers / Tobias Roth: Grabungsplan

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Nach einer einjährigen Ruhepause gibt es im Verlagshaus Berlin in diesem Frühjahr wieder vier neue Lyrikbände. Meine Wahl ist auf Martin Piekars „AmokPer-Vers“ und Tobias Roths „Grabungsplan“ gefallen. Beide Bände sind bekannt schön gestaltet; feines Papier, fadengeheftet, aufwendig illustriert und in Szene gesetzt. Piekars Lyrik wurde von Robin Wagemann illustriert, Tobias Roths Band von Ibou Gueye.

Der 1990 geborene Martin Piekar hat kürzlich den Lyrikpreis Irseer Pegasus erhalten. Seiner Lyrik folge ich schon eine Weile und mag sie sehr, auch aufgrund der Vielschichtigkeit und der Offenheit. Sollte ich ein Stichwort dafür nennen, dann wäre es „ehrlich“: „Ich bin gegen Gedichte, die ausblenden …“ Lyrik lesen bedeutet Aufbruch, in Bewegung kommen, hier ganz besonders. Der Lyriker betrachtet unterschiedliche Bereiche des Lebens und erzählt davon in fast unverkennbarer Weise. Ein schönes Wortspiel bietet ja schon der Titel „Amok Per-Vers“.

Im Kapitel „Dirty Dairies“ beschäftigt sich Piekar mit dem Thema feministische Pornografie. Das ist spannend … ob es das in der Lyrik schon einmal gab? Angelehnt an eine feministische Kurzfilmsammlung von Mia Engberg entstanden so zwölf Gedichte, deren Inhalt und Verse von glasklarer Betrachtungsweise zeugen.

„Wie manche Männer unbehagen
Wenn sie sonst sabbern bei Mösen, die
Sie auf Screens zu ficken lechzen
Sich aber fürchten, wenn sie von ihnen
Überrascht werden … „

Ziemlich wunderbar finde ich das Kapitel „Ich bin kein Elitepartner“:

„Merken, dass Zeit und Geld nicht so mein Ding sind
Dass Wasseroberflächen Spannungen
Wie Gedichte haben können
Dass es Gedichte gibt, die ich wie Tee lese … „

Hier finden sich warme weiche Blicke auf das Ich und das Ich in Verbindung mit anderen, ein Blick auf das Wagnis sich einzulassen, zu lieben. Dies und das Kapitel „Ahab“ mag ich am liebsten. Hier zieht Piekar durch Frankfurt am Main, wo er lebt. Diese Gedichte zeugen von guter Beobachtungsgabe, vom Hin- und nicht Wegschauen. Es sind gesellschaftskritische, politische, zwischenmenschliche, digitalisierte Themen, auf die der Focus gerichtet ist.

„Wir schlafen aneinander vorbei
Glassplitter am Hauptbahnhof
Eine gestrandete Flaschenpost
In allerlei Zerstreutheit keine Hände …“

Erfindungsreich sind die „Zerrütteten Sonette“, denn da fallen immer eine Zeile, ein paar Worte heraus, werden durchgestrichen. Natürlich wird es damit erst interessant. Und auch sonst: Die Sprache ist Trumpf. Sie kennt Rhythmus und strömt und manchmal tobt sie. Piekars Band endet im Tollhaus, bei dem es sich womöglich um ein ganz normales Haus mit 17 Stockwerken handelt, die jeweils einem Menschen gewidmet sind, Dichter sind auch darunter … Ein Leuchten!

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Ganz anders ist Tobias Roths neuer Gedichtband „Grabungsplan“. Jedes Kapitel wird mit einem italienischen Zitat eingeleitet. Schon hier spürt man Roths Faible für italienische Lyrik, Kunst und antike Mythologie und der Titel weist auch gleich auf archäologische Expeditionen hin. Gleich der erste Text zeugt von großem Kunstverständnis. Mitunter ziehen sich auch italienische Zeilen durch die Verse. Wieder andere warten plötzlich mit oberbayerischem Dialekt auf. Die Gedichte sind oft von Natur durchdrungen, ohne dass es Naturgedichte wären. Es ist ein Schwanken zwischen Natur und Kultur.

„Der offene Kiefer der Gipfel reißt den
Wolken die durchhängenden Bäuche auf,
brotfarbene, dunkelblonde Wände und
unterhalb der Geburtsort Tizians …“

Einzelne Verse mag ich sehr.

„Der Schnee und sein an die Lippen gelegter Finger,
wo der Marmor geboren wird, beweglich
im Wind, grünender Granit.“

Viele bleiben mir auch nach mehrmaligem Lesen fremd. Habe ich bei einem Gedicht dann doch eine Vorstellung davon, wo es hingehen könnte, bleibt mir gleich das nächste wieder verschlossen.

„Wir winseln vor uns all diese Industrien.
Analyse des Gewitters
vormittägliche Gesinnung,
das Übrige wissen vielleicht die Antipoden.“

Woran es liegt? Vielleicht an der teils (für mich) verrätselten Sprache (die mich jedoch sonst auch selten stört). Die überwiegende Anzahl der Texte gelangen nicht nach innen, sie berühren und erwecken nichts in mir. Nicht einmal Sehnsucht nach Italien, wo ich vormals viel Zeit verbrachte (Esther Kinsky hat das kürzlich mit „Hain“ im Handumdrehen geschafft). Als Stichwort hier würde ich „verkünstelt“ wählen. Gut, dass es einen Anhang gibt, in dem Namen und fachliche Begriffe erklärt werden. So erschließen sich einige Zusammenhänge. Vielleicht fehlt mir aber generell das detaillierte Hintergrundwissen.

Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

PS:
So schön die Bände aus dem Verlagshaus auch gemacht sind, mir ist mitunter die Schrift zu klein. Gerade Fußnoten oder Widmungen waren für mich (womöglich altersbedingt;-) kaum lesbar.

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