Sylvia Geist: Fremde Felle Hanser Verlag

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„Eine Katze sprang von einem Balkon
im 10. Stock und blieb unten lange liegen.
Bis sie aufstand, um länger zu leben …“

Fremde, zumindest aber bunte Felle finden sich auch auf dem Coverbild von Sylvia Geists neuem Lyrikband. Mich wundert, dass mir Geists Lyrik nicht schon früher aufgefallen ist, denn die Gedichte sind so, wie ich mir Gedichte wünsche: Zunächst leicht zugänglich, sogar witzig und etwas verschroben. Und dann der Sinkflug, der Tiefgang, die scheinbar mir eigens zugedachte Bedeutung, ein Sprung in Richtung Innerlichkeit. Oder umgekehrt.

“ … Das Bewusstsein
da ist ein leerer Stuhl, der an der Schädeldecke hängt.“

Manches der Gedichte, scheint mir, besteht aus Sätzen des Kreuzwort-Rätsels „Um die Ecke gedacht“ aus der ZEIT, dass ich eigentlich recht gerne versuche zu lösen. Meist weiß ich nicht alle Antworten, doch erschließen sie sich aus den Querverbindungen. Ganz ähnlich ist es mit Geists Gedichten. Die Dichterin arbeitet viel mit Zeilenbrüchen, was noch mehr Variations- und damit Deutungsmöglichkeiten erlaubt und zum Mehrfachlesen auffordert.

Geists Themen sind keineswegs weltfremd, aber mitunter verfremdet. Sie berichten von Reisen, (Ver-)Orten, Beziehungen, Veränderungen, Verbindungen, von Wegen und Abzweigungen, von Natur und Alltag. Oft agiert ein Ich oder ein Wir.

“ … du lässt dich
auswaschen vom Meerlärm, während ich blinde
Plastikflaschen nach Hilferufen schüttle, „

Sylvia Geists Gedichte leben alle auch von ihrem Rhythmus.

„Stimmt, Pusteblume mit der Potenz einer Streubombe
jeder, so rutschen wir durch die Ritze Leben …“

Inhalt und Form gehen eine Beziehung ein, die letztlich harmonisch ist, im Einklang fließend.

„……. Die Minute,
die ihr nicht gemeinsam habt, du und deine Möglichkeiten, …“

Feine Liebesgedichte sind so selten, aber „Porträt des Geliebten als Setzkasten“ ist ein außergewöhnliches:

“ ….. Karge Gelegenheitsfunde,
zum Wahrzeichen erklärt und abgestaubt für einen Setzkasten,
der mich an dich denken lässt. Ein bräunliches Blatt, das mir
unter den Fingern zerbröseln könnte, dein Lid, wenn du mich
dich lieben machst, wie du selbst es tätest, gäbe es mich nicht.“

Die Lyrikerin ist viel auf Reisen, innen und außen. Ihre Wege bereitet sie für ihre Leser nachhaltig auf, weiß genau, was die Essenz des jeweiligen ist, was heraus zu filtern notwendig ist. Beispielsweise die fiktive Begegnung auf einer Reise mit Dichter Bobrowski im Gedicht „Auf dem Heimweg“:

„Zehn Minuten von zuhause entfernt
geraten wir in eine andere Welt. Dort
steht Bobrowski auf der Leiter, hämmert
am Dach seiner Nebelhütte und schüttelt
den Kopf über unsere Frage nach dem Weg
vor unseren Füßen.“

Ich habe mich an Geists Lyrik fest gelesen und mich bereichern lassen von dieser Art des dichterischen Denkens. Lyrisches Leuchten!

Einige Gedichte sind aus ganz bestimmtem Anlass entstanden, ist aus dem Anhang zu erfahren. Etwa im Rahmen eines österreichischen Projekts Netzwerk Poesie, bei der Geist auf Gedichte anderer Lyriker „antwortete“ oder bei einem Stipendienaufenthalt in Krakau. Fast wirken diese Informationen störend, als wollte man die Gedichte erklären, und ich wünschte mir man hätte sie weggelassen oder sie tatsächlich in den zugehörigen Zusammenhang gestellt.

„Fremde Felle“ der 1963 geborenen Berlinerin erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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