Katharina Adler: Ida Rowohlt Verlag

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Eine neue Stimme, ein Debütroman. Katharina Adlers „Ida“ hat mich aufgrund der wahren Geschichte, die hinter dem Roman steckt interessiert. Ida Adler, geborene Bauer, die Urgroßmutter der Autorin, war in Behandlung des großen Wiener Psychoanalytikers Sigmund Freud. Sie war als Fall „Dora“ bekannt. Freud, der zu dieser Zeit mit seiner „Sprechtherapie“ vor allem Frauen behandelte, die als hysterisch galten, hat sich in Idas Leben stark eingeprägt. Als ihr sehr viel später in den USA die Psychoanalyse als Trend in Intellektuellen- und Künstlerkreisen wiederbegegnet, erinnert sie sich an längst vergessen geglaubte Zeiten.

1941 kommt die Jüdin Ida Adler auf Ellis Island an. Ihr Sohn Kurt hat es geschafft, ihr die nötigen Papiere zu beschaffen und nun wird sie in den USA leben. Der Sohn ist Dirigent und Operndirektor und nimmt die Mutter mit zu einer Party, auf der gerade die Psychoanalyse nach Freud Gesprächsthema Nr. 1 ist. Das hätte die Wienerin Ida nicht erwartet. Sie stürzt sofort in ihre Vergangenheit, in die Zeit, in der sie selbst in Therapie bei Sigmund Freud persönlich war.

Die 1980 geborene Katharina Adler erzählt nun in Rückblenden, die nicht ganz chronologisch, aber stimmig für den Roman verlaufen. Kapiteln, die von der Analyse handeln, ist ein Vorwort mit Zitaten aus Originaldokumenten vorangestellt.

Das Mädchen Ida lernt schon früh Verantwortung zu tragen, muss ihren augenkranken Vater jahrelang pflegen. Die Mutter ist eine zwanghafte Persönlichkeit. An ihrem älteren Bruder Otto hängt Ida sehr, ja fast obsessiv. Als dieser von zu Hause fort geht, der Vater eine Liason mit einer Freundin der Familie eingeht und deren Mann später Ida gegenüber sexuell übergriffig wird, entwickelt Ida Symptome wie Migräne, Atembeschwerden und Husten, später auch Stimmlosigkeit. Der Vater schickte sie daraufhin zu Dr. Freud auf die Couch, weil er glaubte, sie erfinde die tätlichen Übergriffe. Letztlich kommt es zum Bruch mit dem Vater und nach 3-monatiger Therapie auch mit Freud.

„Ida trat aus der Berggasse 19 auf das Trottoir hinaus. Die Holztür fiel hinter ihr zu. Sie hob das Kinn. Sie, nur sie, würde ab jetzt über ihr Leben bestimmen.“

So entlässt sich die kaum 18-jährige Ida 1901 selbst aus der Therapie und beginnt tatsächlich ein überwiegend selbstbestimmtes Leben. Sie heiratet Ernst Adler, einen Komponisten, der aus dem Umfeld des Theaters kommt, bekommt einen Sohn, lebt wohlhabend bis das vorhandene Geld verbraucht ist. Der Ehemann ist nicht so geschickt im Geld verdienen. Als mit Beginn des 1. Weltkriegs sowohl Bruder als auch Ehemann in den Krieg ziehen, beginnt Ida sich zu emanzipieren. Sie hat ein Faible für Zahlen und wird aus einem anfänglich als Vergnügen mit kleinem Zuverdienst gedachten Kartenspielclub, eine lukrative Geldquelle machen.

Katharina Adler hat 5 Jahre an diesem Roman gearbeitet. Dass es sich um einen Debütband handelt, merkt die Leserin nicht. Adler hat vielfältig recherchiert und einen biografischen Roman über das ereignisreiche Leben ihrer Großmutter geschrieben und zwar sehr überzeugend. Sowohl Sprache als auch Inhalt und Plot sind hier äußerst lebendig.  Mich hat diese Geschichte sehr gefesselt. Adlers Figuren sind authentisch und facettenreich dargestellt. Obgleich mich vor allem die Geschichte von Idas Psychoanalyse ansprach, war ich positiv überrascht, wie viel ich auch über die Geschichte Österreichs erfahren habe, wie wichtig auch die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge sind. Vor allem einmal aus dem Blickwinkel der Sozialdemokraten, des roten Wien, in dem Idas Bruder Otto , ein Marxist, eine wichtige Rolle spielte. Es ist die Zeit zwischen den Kriegen. Otto will etwas bewegen, will die Demokratie, doch letztlich bleiben seine Vorstöße erfolglos und er muss das Land verlassen.

Vor allem ist es aber ein Buch über eine unerschrockene, wenngleich auch exzentrische Frau, die kämpft und es schafft, selbstständig und unabhängig zu leben in einer Zeit, in der das keineswegs selbstverständlich war. Ob da doch Freuds Psychoanalyse gewirkt hat? Oder gerade die Entscheidung damit zu brechen?
Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Ein aufschlußreiches Interview mit der Autorin in der ZEIT kann man hier nachlesen. Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

5 Gedanken zu “Katharina Adler: Ida Rowohlt Verlag

  1. Liebe Marina,
    das klingt nach einem wundervollen und sehr interessanten Buch! Deine Begeisterung kann man aus der Rezension herauslesen und sie ist absolut ansteckend. 🙂 Ich habe das Buch lediglich am Rande wahrgenommen, es aber nun sogleich auf meine Merkliste gesetzt. Werde es ganz bestimmt lesen.
    GlG, monerl

    Gefällt 1 Person

  2. „wie viel ich auch über die Geschichte Österreichs erfahren habe“
    Ich denke, das sind schöne Zugaben.
    Erst jüngst las ich einen Geschichtsband über Tirol, daß ja dem Hause Habsburg angehört hatte.

    Irgendwo erinnert mich der Roman an die Erinnerung von Paloma Picasso „Doch eine Picasso“ – wenn ich das mal so einfach anfügen darf.

    Gefällt 1 Person

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