Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen Ullstein Verlag

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Bereits das Buchcover, das mir ziemlich gut gefällt, weist auf die folgende Geschichte hin. Da ist es aus mit der Romantik eines Caspar David Friedrich (Umschlagbild: Hügel mit Bruchacker bei Dresden), aus mit der heilen ländlich, dörflich, kleinstädtischen Welt, da kreuzt die Faust, die Gewalt das ruhige Dahinleben. Auch in der Epoche der Romantik gab es zeitgleich den Drang zur Weltflucht und die Ausrichtung ins Private, aber auch ein Suchen der Identität in Richtung Nationalismus. Und natürlich Heinrich Heine: Deutschland Ein Wintermärchen, seinerzeit als Schrift eines „Vaterlandsverräters“ beschimpft.

Dass der Roman teils biografisch ist, sagt der Autor selbst. Und dieses Debüt des 23-jährigen Lukas Rietzschel lebt von seiner Geschichte, von einer Geschichte, die aktueller und brisanter nicht sein könnte. Er zeigt, wie Misstrauen und Hass sich langsam und unscheinbar, aber stetig entwickelt in einer zunächst heilen Welt …

Die Geschichte einer zerfallenden Familie ist es. Sie zieht sich über 15 Jahre hinweg von 2000 bis 2015 und ist angesiedelt in Neschwitz in der Lausitz. Zwei Jungs, Philipp und Tobi, kleiner Altersunterschied, und Eltern, die gerade ein Haus bauen, die beide Arbeit haben. Ihnen geht es besser, als anderen in dem kleinen Ort in Sachsen. Viele haben ihre Arbeit verloren und mancher versinkt in Alkohol und Sinnlosigkeit.

Ganz langsam baut sich ein Szenario auf: Die Jungs, denen langweilig ist, die auf der Suche sind und die „falschen“ Freunde finden. Viele ziehen weg, von Zukunft kann hier keine Rede sein. Die Ehe der Eltern zerbricht. Der geliebte Großvater stirbt. Viel Hoffnung bleibt da nicht. Zunächst sind da die Sorben, diese kleine nationale Minderheit mit der eigenen Sprache die in der Lausitz lebt und die von der Clique der Brüder als Fremde angefeindet werden. Und dann all diese Massen von Fremden aus Afrika und Arabien, die Unterkunft und Geld bekommen, während im Ort Schule, Sparkasse, Läden geschlossen werden. Leise schleicht sich der Hass in die Gemüter der Menschen, die sich zurückgelassen fühlen. Rietzschel macht das sehr glaubwürdig, buhlt aber nicht um Verständnis, klärt nur auf.

„Deshalb ist man doch kein Nazi“, sagte Philipp und drehte sich um. Das erste Mal sah er Christoph wieder ins Gesicht. „Alle anderen dürfen stolz auf ihr Land sein“, sagte er, „nur in Deutschland ist das verboten!“.

Einer der Brüder, Philipp, der ältere, zieht sich zurück aus der Szene, will selbständig werden, will weg an einen besseren Ort. Tobias hingegen macht mit und zwar aktiv. Er will nicht hinnehmen, dass „sein“ Land, dass, was ihm zusteht, von diesen Fremden genommen wird. Was anfangs noch als Ausraster im betrunken Zustand an Silvester geschieht, wird immer aggressiver. Tobias und seine Freunde werden gezielt gewalttätig. Übergriffe werden genau geplant und rigoros durchgeführt. Tobias, der sich von Mutter, Vater und Bruder missverstanden und abgelehnt fühlt, sich aber eigentlich nach Zugehörigkeit sehnt, findet nirgends mehr Halt und übergibt sich voll dem Hass und der Gewalt.

Lukas Rietzschels Sprache mit ihren stakkatohaften, teils abgehackten und fragmentartigen Sätzen wirkt zunächst unbeholfen, unvollständig, passt aber zunehmend zur bedrohlichen Entwicklung der Geschichte. Ein wenig mehr Tiefe hätte dem Roman dennoch gut getan. Trotzdem ein recht gutes Debüt!

Der Roman des erst 23-jährigen Autors erschien im Ullstein Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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5 Gedanken zu “Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen Ullstein Verlag

  1. Gerade in der aktuellen Situation ein absolut wichtiges Buch. Und doch eins, was ich momentan nicht lesen kann, bin ich doch dieses braunen Sumpfs in allen Medien gerade absolut überdrüssig. Klar, verstecken gilt auch nicht, aber es schwer momentan nicht 24 Stunden nen dicken Hals zu haben. Momentan ist die Bloggosphäre eines der wenigen unberührten Refugien vor all dem Hass.

    In jedem Fall ne schöne Rezension. Werde mir den Titel mal als „Kauf-ich-dann-als-TB“ auf den Merkzettel schreiben.
    LG aus der Crime Alley

    Gefällt 2 Personen

      • Ja, das habe ich so auch aus der Rezension herausgelesen. Literatur ist ohnehin für mich immer noch das beste Mittel, um dieses Thema anzugehen und die Vielschichtigkeit abzubilden. Weniger „in your face“ und dan manchmal auch eher in der Lage gefühlsmäßig zu erreichen. Leider werden es wohl die „Betroffenen“ eher weniger lesen. – In diesem Zusammenhang kann ich übrigens „Samstags, wenn Krieg ist“ von Klaus-Peter Wolf empfehlen. Kein klassischer Krimi, sondern auch ein Buch über die Gefahren des Extremismus. Ist Mitte der 90er verfilmt worden und tatsächlich sogar dann fürs Fernsehen indiziert worden. Der Roman ist meines Erachtens eine hervorragende Schullektüre, die auch heute noch die erreicht, welche in der Gefahr sind, in den Strudel hineinzugeraten. Ähnlich gut ist Clemens Meyers „Als wir träumten“. Hab ersteres übrigens auch bei mir rezensiert, falls es Dich interessiert. Viele Grüße zurück

        Gefällt 1 Person

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