Natascha Wodin: Irgendwo in diesem Dunkel Rowohlt Verlag

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Mit ihrem neuen Roman knüpft Natascha Wodin nahtlos an ihren vorigen Roman, den Buchpreisgewinner 2017 „Sie kam aus Mariupol“ an, in dem sie die Geschichte ihrer Mutter erzählte. Zumindest das, was sie recherchieren konnte. Die Mutter, die sich das Leben nahm, als die Tochter 11 Jahre alt war, blieb immer rätselhaft. Nicht minder der Vater, der wesentlich älter, noch im Zeitalter der Zaren geboren wurde und der schweigsam und für die Tochter unzugänglich blieb. Beide Elternteile kamen als russische Zwangsarbeiter nach Deutschland. Nach dem Krieg und nach der Zeit im Aufnahmelager, wurde ihnen eine Wohnung in einer fränkischen Kleinstadt zugewiesen. „Die Häuser“, in denen sie nun wohnten, lagen außerhalb der Stadt am Fluß und waren von vielen osteuropäischen Familien bewohnt. Schon vor dem Tod der Mutter hatte es die Tochter schwer, dazuzugehören, wurde von Mitschülern gehänselt und als die „Russin“ verfolgt. Nach dem Tod der Mutter schaffte der Vater seine beiden Töchter in eine katholische Klosterschule mit Internat. Auch hier war Natascha wieder Außenseiterin, da sie nicht katholisch war.

“ … Schuld, Schuld ohne Anfang und Ende. Das hatte ich nicht gewusst, dass ich schon kraft Geburt schuldig war und dass man beten , immerzu beten musste, denn sobald eine Lücke beim Beten entstand, konnte durch diese Lücke sofort der Satan in uns fahren. Ich war in ein Schuldgefängnis geraten.“

Die einzig gute Zeit scheint für Natascha die Zeit gewesen zu sein, als sie Nathalie war, als sie auf Kinderlandverschickung ein halbes Jahr auf einem belgischen Bauernhof leben durfte und dort vollkommen angenommen wurde.

Der Vater, 1900 in einem russischen Städtchen an der Wolga geboren, ist ein Schweiger. Seine Erzählungen gehen nie über die Kindheit hinaus. Im Alter von 12 starben seine Eltern. Wie er sich mit den 2 jüngeren Brüdern durchschlug, wusste keiner. Später, als der Vater bereits in einem Altenheim lebt, entdeckt Wodin eine unbekannte Moskauer Adresse bei ihm. Wegen ihrer Arbeit als Dolmetscherin hält sie sich oft dort auf und findet dadurch einen Bruder ihres Vaters. Sie erfährt, dass der Vater schon einmal verheiratet war und Kinder hatte. Wie er dann zu der neuen, so wenig passenden Frau, ihrer Mutter, gekommen war, bleibt unaufgeklärt. Genaueres erfährt sie nie, die Verbindung zu der neu gefunden Verwandtschaft bricht wieder ab.

„Was verband ihn, den Mann aus dem einfachen Volk, mit dem zwanzig Jahre jüngeren, auffallend schönen, fragilen Mädchen aus einer Familie verfolgter ukrainischer Aristokraten und italienischer Kaufleute?“

Eigentlich ist der größere Teil des Buches von Nataschas Leben bestimmt. Der Vater wird ihr immer verhasster. Als sie mit 16 Jahren aus dem Kloster zurückkommt, ist sie ihm vollkommen ausgeliefert. Der Vater schlägt sie, benutzt sie als Haushälterin und als sie heimlich ausgeht, sperrt er sie tagelang ein. Sie wird zu Streunerin, verbringt ihre Tage auf der Straße, die Nächte im Schuppen oder auf dem Dachboden. Der Traum einer Rettung, die sie sich durch einen jungen Mann, durch eine Heirat erhofft, wird jedoch nicht wahr. Erst als sie durch Zufall plötzlich einen Job findet, scheint das Glück nicht mehr fern …

Sprachlich ist dieser Roman etwas gelungener, die Geschichte besser konstruiert, als beim vorigen. Dennoch ist es kein Buch, das mich stark beeindruckt hat. Etwas fehlt.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Die 1945 geborene Autorin lebte einige Jahre mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig zusammen.
Eine umfangreiche Besprechung gibt es auf dem Blog LiteraturReich
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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