Matthias Nawrat: Der traurige Gast Rowohlt Verlag

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Ein Berlinroman, dachte ich. Wieder ein Berlinroman. Ich lebe in Berlin. Muss ich wirklich noch etwas über Berlin lesen, fragte ich mich. Zum Glück wurde Matthias Nawrat mit seinem neuen Roman „Der traurige Gast“ dann für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Das war Anreiz, zumindest hineinzulesen. Und: Was soll ich sagen? Ein Glück! Dieser Roman ist so ganz weit weg von all diesen Szene-und Mode-Berlin-Romanen, dass es ein großes Leseglück ist. „Der traurige Gast“ ist ein stiller Roman, der nichts Großes will, der aber gerade im Kleinen das Große findet. Beim Lesen denke ich dauernd, genau so ist es geschehen, genauso „recherchiert“ Nawrat für seine Bücher. Ich kenne das ja selbst: Wenn man schreibt, ist alles was man tut Vorbereitung und Recherche. Das Leben selbst schreibt in uns und wir Schreibende aus ihm heraus.

„Es war schon dunkel, und die Laternenlichter vervielfältigten die Dunkelheit des Abends in Dutzende Dunkelheiten – zwischen den geparkten Autos, unter den Simsen über den Hauseingängen, unter den Kapuzen oder Mützen der mir entgegenkommenden oder meinen Weg kreuzenden Viertelbewohner.“

Es geht hier ums Ganze. Um den Sinn. Um die Ver-rücktheit des Daseins in dieser Welt. Und um die Erkenntnis der Sinnlosigkeit allen Tuns. Die Schicksalhaftigkeit. Die Kleinheit eines Menschenlebens. Nawrat beschwört das alles herbei, indem er über das Alltägliche schreibt. Über die Begegnung mit Menschen, die unendliche Tiefe, die in jedem steckt.

„Die Zeit, so dachte ich in diesem Augenblick, ist zirkulär, faltet sich, wenn ich will, über sich selbst, sodass mein jetziges Leben in Berührung kommt mit dem schon vergangenen und gleichzeitig die Unendlichkeit in Berührung kommt mit ihrer eigenen Unmöglichkeit, während wir auf diesem Planeten, in dieser Stadt, in diesem Weltjetzt durchs Weltall fliegen.“

Der Held des Romans, ein Schriftsteller polnischer Abstammung, der mit seiner Frau in einem Berliner Kiez lebt und auf der Suche nach neuem Stoff für seine Bücher durch die Stadt wandelt, könnte ein Alter Ego des Autors sein. Alle seine Begegnungen sind in einer Weise unspektakulär, so dass sie ihm gerade recht kommen. Die ältere polnische Architektin, die nie ihren Kiez verlässt und anhand von Fotos die Wohnung des Protagonisten renovieren will. Was wirklich bei diesen Treffen passiert, ist das Öffnen einer wildfremden Person gegenüber. Sie erzählt ihm unverblümt aus ihrem Leben. Wobei sich zeitweise komische Augenblicke, trotz des Eindrucks größter Traurigkeit ergeben. Etwa wenn unser Held ihren selbstgebackenen Kuchen beschreibt.

„Wir aßen ein Stück Kuchen. Er schmeckte nach wie vor neutral, aber auch so, dass er mich nun aufmerksam machte auf sich selbst und auf etwas, das jenseits der Kategorie Geschmack zu liegen schien.“

Genau so der ehemalige Studienfreund, der beim Feierabendbier sein Leben vor ihm ausbreitet, sein polnischer Kollege an der Tankstelle, ein ehemaliger Chirurg, der trinkt, weil er den Tod seines Sohnes nicht überwindet, obwohl er damals bei der Flucht in den Westen Frau und Kind zurückließ, der Junge im Hinterhof, der einsam zu sein scheint, der selbstbewusste Schauspieler, der eine dramatische Geschichte erzählt mit sich in der Hauptrolle.

Der Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin, mit dem so prominent auf dem Bucheinband geworben wird, nimmt nur einen winzigen Teil des Buches ein und ist einer der unwichtigsten. Davon sollte man sich also nicht abschrecken lassen. So besteht das Buch komplett aus Sequenzen, die blitzlichtartig Momente aus Menschenleben beleuchten, dabei aber nur wenig über den Hauptprotagonisten verraten. Ihm scheinen sich alle anvertrauen zu wollen, er scheint ein guter Zuhörer für Redebedürftige. Wohl ist ihm dabei nicht immer, dennoch harrt er aus.

Matthias Nawrats Roman hat philosophische Tiefe, schaut mitunter in Richtung Religion und Spiritualität. Seine Sprache hat Reife und liest sich mit Genuß. Und ja, er erinnnert tatsächlich, wie kürzlich schon auf dem Blog „letteratura“ zu lesen war (hier gehts zur Besprechung), in seiner Erzählperspektive den Romanen von Rachel Cusk. Und es ist ein ganz wunderbar trauriger Roman, so wie ich Romane liebe. Ein Leuchten!

„Der traurige Gast“ erschien im Rowohlt Verlag. Der Roman steht auf der SWR-Bestenliste und wurde für den Leipziger Buchpreis 2019 nominiert. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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10 Gedanken zu “Matthias Nawrat: Der traurige Gast Rowohlt Verlag

  1. Schöne Besprechung, ich freu mich, dass das Buch Dir auch gefallen hat. Leise und auf den ersten Blick unspektakulär, aber voller Tiefe. Danke auch für die Verlinkung! Viele Grüße!

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