Margarete Stokowski: Untenrum frei Rowohlt Verlag / Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären btb

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„Frauen unterschätzen sich und werden unterschätzt, immer noch. Sogar Stürme mit Frauennamen werden unterschätzt. Hurrikane mit Frauennamen töten mehr Menschen als solche mit Männernamen, weil Leute sich vor ihnen seltener in Sicherheit bringen.“

Zwei Sachbücher, die ich lange schon lesen wollte und es nun endlich, trotz der vielen noch zu lesenden Romane, getan habe. Es schien die passende Zeit. Dennoch haben beide mich nicht überzeugt und ich wende mich in Zukunft lieber wieder Romanen mit diesen Themen zu, die in meinen Augen, oft tiefer wirken.

Margarete Stokowski ist derzeit eine stete Stimme. Sie hat soeben ihr zweites Buch zum Thema Feminismus veröffentlicht und schreibt für diverse Zeitungen. Stokowski lebt in Berlin und ist Jahrgang 1986.
Die Autorin versucht aufzudröseln, was alles schief läuft, was alles von Anfang an anders laufen könnte. Das schafft sie, wie ich meine, ganz gut. „Untenrum frei“ scheint mir allerdings für eine andere Generation als meine geschrieben zu sein. Ich bin nicht mit sozialen Medien aufgewachsen und darüber wirklich froh. Zwar habe ich allerhand wiedererkannt und doch ist es mir oft fremd, was Stokowski schreibt. Tatsächlich wundert es mich, dass es immer noch Jugendzeitschriften wie „Bravo“ und „Mädchen“ gibt, die ich, zugegeben, als Teenager schon zu meiner Zeit las. Erschütternd finde ich, was diverse „Frauenzeitschriften“ (die ich seit 100 Jahren nicht mehr lese), für ein Frauenbild aufzeigen, als sind Frauen erst dann Frauen, wenn sie deren Mode-, Kosmetik-, Sex- und Beziehungstipps berücksichtigen. Stokowski führt einige Beispiele an, bei denen mir schlecht wird.

„Hätte es wirklich eine sexuelle Revolution gegeben, dann wäre die Palette breiter und das Bild der sexuell attraktiven Frau wäre nicht auf eine reine, junge, glatte und „unverbrauchte“ Version beschränkt.“

Dass Stokowski anhand ihrer eigenen Erlebnissse in Kindheit, Jugend, usw. spiegelt, was alles schief läuft, ist verständlich. Sicher braucht es etwas, auf das man sich beziehen kann. Dennoch wird mir manches zu persönlich. Andererseits finde ich ihren Stil passend für unsere Zeit. Sie sagt nie, so muss es sein, gibt aber Anregungen, wie es sein könnte, stellt Fragen. Was mich verwundert, ist die teils derbe Sprache. Und auch wenn sie von sich erzählt, sie habe „früher haufenweise sexistische Witze und Sprüche gemacht, weil es ankam“, dann ist das für mich unverständlich und wenig achtsam und mindert für mich auch ein wenig die Glaubwürdigkeit der Autorin (die z.B. ein Kapitel „Die Poesie des Fuck you“ nennt).

Das Buch ist flugs gelesen und stellenweise auch recht unterhaltsam, mitunter nachdenklich stimmend. Nachhaltig wirkt es allerdings bei mir nicht. In vielem teile ich nicht ihre Meinung. Ein autobiografisches Buch, das ich kürzlich las, wirkte da viel tiefer und zeigte ganz ähnliche Themen in jedoch anderer Art und Weise auf: „Die Jahre“ von Annie Ernaux habe ich auch bereits hier auf dem Blog besprochen.

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Rebecca Solnit ist US-Amerikanerin und Jahrgang 1961. Ihr Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“, obgleich es schon typisch amerikanisch geprägt ist, zeigt auf ein Thema, was wirklich extrem auffällig ist und tief verankert in westlichen Kulturen. Leider behandelt nur einer der Essays, aus denen das Buch zusammengesetzt ist, genau diese Situation.

„Männer erklären mir die Welt, mir und anderen Frauen, ob sie nun wissen, wovon sie reden, oder nicht. Manche Männer jedenfalls.
Jede Frau weiß, wovon ich spreche.“

In weiteren Kapiteln schreibt Solnit über das Thema Vergewaltigung und berichtet vor allem über die Massenvergewaltigungen in Indien. Zum Thema Vergewaltigung las ich kürzlich Bettina Wilperts Roman „Nichts, was uns passiert“, welches ich sehr viel dichter und interessanter fand. Die Besprechung gibt es hier.

Weitere Kapitel handeln von dem in den USA in die Schlagzeilen geratenen Strauss-Kahn. Nach und nach kommt hier die ganze Dimension seiner sexuellen Übergriffe an die Öffentlichkeit. Alles deutet schon in Richtung #metoo-Debatte. Wenn die Autorin sich allerdings mit Susan Sonntag trifft, um über Virginia Woolfs Thema der „Dunkelheit“ in ihrem Werk spricht, ist mir das zu theoretisch und nicht nah genug an der heutigen Wirklichkeit. 

Genauer betrachtet hat mir auch dieses Sachbuch nicht wirklich relevante Neuigkeiten überbracht. Mein Ausflug in die Welt der Sachliteratur zum Thema Feminismus ist damit wohl erst mal beendet.

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5 Gedanken zu “Margarete Stokowski: Untenrum frei Rowohlt Verlag / Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären btb

  1. Also die Solnit fand ich schon gut. Wo ich aber komplett mit Dir gehe ist, dass nur ein Essay tatsächlich mit Mansplaining zu tun hat. Andererseits fand ich die anderen Texte schon auch sehr gelungen und man darf nicht vergessen, dass das ja frühere Texte sind, die halt einfach in ein Buch gepackt wurden. Mir ist gerade nicht präsent, ob die Texte explizit zusammengesetzt wurden, also ein Konzept ergeben sollten.

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    • Ja. Der Titel ist halt dann etwas irreleitend. Ich lese gerade den neuen Roman von Siri Hustvedt und behaupte mal, sie kann das doppelt so gut. Hat ja auch einige Essays zum Thema veröffentlicht. Außerdem kann ich Mary Beards „Frauen & Macht“ sehr empfehlen. Erschließt Hintergründe und scheint mir kraftvoller.

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      • Da gebe ich Dir absolut Recht. Siri Hustvedt ist ja auch großartig. Keine Frage. Den möchte ich auch lesen, also den neuen von Siri und Mary Beard hab ich auch noch auf dem Zettel. Nach der Lektüre sieht mein Urteil vllt. anders aus, das mag sein. LG

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  2. Hallo Marina, ich muss sagen, dass mir das solnit buch unglaublich gut gefallen hat. Es hat mir durchaus auch neue Erkenntnisse gebracht, die mir teilweise etwas die Laune verdarben damals bei der Lektüre. Gerade die Infos über Gewalt gegenüber Frauen etc. fand ich ernüchternd und sie waren mir nicht so klar vorher. Bzw. ich hatte sie mir einfach nicht klar gemacht. Das andere Buch der Stokowski habe ich meiner fast 20jährigen Tochter kürzlich geschenkt. Sie findet es bis jetzt großartig. Kann also sein das mit der Generation? Weiß nicht. Habe ihr gesagt, dass ich es leihen möchte, sobald sie durch ist. Die Wilpert habe ich auch diese Woche endlich gelesen und muss sagen: Wow. Das Buch hat mir nochmal ein paar Dimensionen geöffnet. Meine BEsprechung zur solnit kennst Du ja vermutlich? https://lobedentag.blogspot.com/2016/03/buch-der-woche-rebecca-solnit-wenn.html
    Ganz liebe Grüße und ich hoffe, bis bald auf einen Kaffee Susanne

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    • Ich lese gerade von Mary Beard „Frauen und Macht“ und habe die neuen Essays von Siri Hustvedt hier liegen, die sich ja auch immer wieder mit dem Thema beschäftigt. Das liegt mir mehr als Stokowski. Ist mir einfach zu flapsig, der Ton spricht mich nicht an. Ich mag es nicht, wenn man andauernd „fuck“ sagen muss.
      Viele Grüße!

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