Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise Luchterhand Verlag

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Jaroslav Rudiš Roman „Winterbergs Reise“ ist der erste, den der Autor auf deutsch geschrieben hat. Und damit ist er auch gleich für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden. Er gibt tiefen Einblick in die tschechische, ja mitteleuropäische  Geschichte. Eine Reise in die Vergangenheit. Die Erinnerungsgeschichte eines langen Lebens. Ein Roadmovie. Ein Abschied. All dies ist dieser Roman.

„Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, sagte Winterberg und schaute aus dem beschlagenen Fenster des Zuges. Er fasste sich so fest an seine Brust, als ob er in seiner Hand nicht nur den grauen dicken Stoff seines alten Wollmantels zerquetschen wollte, sondern auch sein neunundneunzig Jahre altes Herz.“

Mit diesem ersten Satz könnte man im Prinzip schon das ganze Buch beschreiben. Denn Winterberg, der sich mit seinem Pfleger Kraus auf die letzte Reise gemacht hat, um noch einmal die verschiedenen Schauplätze seines Lebens zu sehen, leidet an der Schlacht bei Königgrätz, als wäre diese eine Krankheit. Nach drei Schlaganfällen hatte die Tochter Winterbergs den Sterbebegleiter Kraus engagiert, mit dem der siechende Vater die „Überfahrt“ antreten sollte. Doch mit einem Mal, Kraus erzählte gerade davon, dass er aus Vimperk, dem ehemaligen Winterberg stamme, wird der Alte hellwach. Von da an, geht es bergauf. Dem Alten gelingt es, Kraus zu dieser Reise zu überreden, was dieser später mehr als einmal bereut.

Rudiš`Roman ist erhellend, was die geschichtlichen Ereignisse angeht. Allerdings ist er auf Dauer auch ermüdend, denn was anfangs noch witzig scheint, wird zur schwer auszuhaltenden Dauerschleife: Dass Winterberg permanent, „ja, ja“ sagt, wenn er fortdauernd sein Leben erzählt, immer wieder die Redewendung eines Engländers nachplappert „the beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins“,  Vaterzitate über unterschiedlichste Leichenfunde wiederholt (der Vater arbeitete in der „Feuerhalle“, im Krematorium), andauernd aus seinem alten Baedecker-Reiseführer von 1913 vorliest, macht mürbe. Immerhin erfährt der/die Leser/in dadurch, wie es wohl dem armen Begleiter zumute ist.

„Ja, ja, genau, so wie bei Königgrätz … Eisenbahnleichen sind keine schönen Leichen, sagte mein Vater immer, und er musste es wissen, er hat viele Leichen gesehen.“

„Als ich zum Tisch zurückkam, lag Winterberg mit seinem Kopf auf dem aufgeschlagenen Buch und schlief, wie so oft nach einem historischen Anfall.“

Auch der „historische Anfall“, der mich beim ersten Lesen wirklich zum Lachen brachte, wird so oft wiederholt, dass kaum etwas vom Witz übrig bleibt. Dass Kraus auch eine traumatische Geschichte hinter sich hat, er dann immer schwitzt und Herzrasen hat, wenn sie ihn einholt, bleibt eher eine Randgeschichte:

„Denn die ganze Zeit, die ich in Deutschland verbrachte, hatte ich Angst vor dieser Reise. Vor dieser Rückkehr. Denn die ganze Zeit haben sie uns in der Tschechoslowakei mit dem Tod gedroht. Und ich dachte, wer weiß, wenn ich zurück bin, vielleicht bin ich dann auch gleich tot.“

Der Autor erzählt in einfacher Sprache mit einzelnen unterhaltsamen Lichtblicken. Man muss sich ganz an die Story halten, die auf sehr viel weniger Seiten, hätte erzählt werden können. Sie besteht letztendlich aus den Baedecker-geprägten Ausschweifungen Winterbergs, der sich dauernd wiederholt, dem beinahe ausschließlich zuhörenden, Zigarette rauchenden, biertrinkenden Begleiter Kraus und den kurzen Begegnungen mit anderen Menschen und Geistern der Geschichte. Fast will ich es als literarischen Kniff sehen, dass Rudiš diese sprachliche Wiederholungsszenerie benutzt, quasi als Ritual.
Mich würde interessieren, ob der Roman anders geworden wäre, wäre er in der Muttersprache des Autors geschrieben worden. Infrage stelle ich auch, weshalb der Roman für den Leipziger Buchmessepreis nominiert wurde … vielleicht weil das Tschechien Ehrengast ist?

Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Rezensionen gibt es auf den Blogs Ruth liest und Frau Lehmann liest.

Hier gibt es ein erklärendes Interview mit dem Autor und auch die gelesenen Sequenzen sind hörenswert. Ich könnte mir vorstellen, dass der Roman hier sogar als Hörbuch besser funktioniert:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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5 Gedanken zu “Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise Luchterhand Verlag

  1. Ich habe bewusst deine Rezension erst heute gelesen, nachdem ich meine – vorläufige Besprechung – geschrieben habe. Wie gut, denn sonst hätte ich den Eindruck gehabt, bei dir abzuschreiben 😉 Ich habe das Buch ziemlich genauso wie du empfunden, muss aber jetzt nach gut 200 Seiten pausieren, da mich der Erzählstil zu sehr nervt. Mal sehen, ob es eine zweite Chance bekommt. Viele Grüße!

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