Annette Hess: Deutsches Haus CD Hörbuch Hamburg

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Die Schauspielerin und Sprecherin Eva Meckbach hat für ihre Lesung des Hörbuchs „Deutsches Haus“ von Annette Hess den Deutschen Hörbuchpreis als „Beste Interpretin“ 2019 erhalten.

Das kann ich beim Hören gut nachvollziehen. Die Schauspielerin, die auch stetes Mitglied in der Berliner Schaubühne ist, macht ihre Sache gut. Glaubwürdig verkörpert sie die Stimme der weiblichen Hauptperson, schafft es aber auch die anderen Stimmen gut klingen zu lassen. Was mich bei männlichen Vorlesern oft stört, die weibliche Figuren, um sie zu unterscheiden, immer in unmöglich hoher unnatürlich betonter Stimmlage präsentieren, passiert hier nicht. Das ist mehr als angenehm.

Annette Hess` Geschichte spielt in Frankfurt am Main im Jahr 1963. Die Heldin Eva kommt aus einer Mittelschichtsfamilie, die Eltern führen ein Gasthaus, eben das „Deutsche Haus“, der Vater kocht, die Mutter macht den Service. Eva ist gelernte Dolmetscherin und auf dem Sprung in ein anderes Leben, nämlich in eine Ehe mit dem wohlhabenden Versandhausbesitzerssohn Jürgen. Als sie zum Dolmetschen in einem Gerichtsprozeß angefordert wird, ändert sich für Eva nach und nach alles. Zum ersten Mal erfährt sie in aller Deutlichkeit und Direktheit von den Greueltaten der Nazis, denn es ist der erste Auschwitzprozeß, der 20 Monate dauert und der für großes Aufsehen sorgt. Sie, die für die polnischen Augenzeugen übersetzt, kommt dadurch ganz nah an die unfassbaren Geschehnisse heran, von denen sie bisher so gut wie nichts wusste. Die Familie und auch Jürgen insistieren, sie solle diese Arbeit nicht annehmen, doch etwas in Eva drängt der Wahrheit entgegen. Sie erinnert plötzlich Szenen ihrer eigenen Kindheit, die in Verbindung zu stehen scheinen, mit dem, was sie hier hört. Warum konnte sie als Kind schon polnische Wörter? Warum hat sie diese Sprache für ihre Dolmetscher-Ausbildung gewählt? Die Eltern ignorieren zunächst die Fragen ihrer Tochter nach deren Vergangenheit. Nach und nach zeigt sich, wie verwickelt die eigene Familie in diese „alten Geschichten“ ist, die fast durchweg von der deutschen Bevölkerung verdrängt wurden.

Als Evas künftiger Mann ihr die Arbeit verbietet, löst sie die Verlobung. Eine Delegation des Gerichtsprozesses fährt nach Auschwitz, um sich der Richtigkeit der Standorte zu versichern und damit die Aussagen der Zeugen und der Angeklagten zu bestätigen. Eva ist dabei und sieht nun auch den Ort, den sie offensichtlich bereits in ihrer Kindheit kannte …

Die Autorin arbeitet ihre Figuren, vor allem Eva sehr gekonnt heraus, Eva wird beim Zuhören lebendig. Man merkt, dass Hess für den Film als Drehbuchautorin arbeitet: von ihr stammen die Fernsehserien „Kudamm“ und „Weissensee“. So steht hier auch nicht die Sprache im Vordergrund, sondern die Wirksamkeit der erzählten Story. Und die funktioniert auch überwiegend. Einige wenige Male gelangt sie allerdings nahe an die Grenze zum Unglaubwürdigen, weil sie ein wenig zuviel hinein packt. Insbesondere die Geschichte von Evas älterer Schwester wirkt überzogen und hätte gut weggelassen werden können.

„Was haben Mutti und Vati denn gemacht? Eva antwortete, „Nichts“. Wie sollte sie ihrem Bruder erklären, wie richtig diese Antwort war?“

Schlussendlich: Die Heldin Eva wird von einer relativ unbedarften jungen Frau zu einer verantwortungsbewussten, selbständigen, reflektierenden Persönlichkeit. Wenngleich sie die einzige, sich entwickelnde in der Familie bleibt …

Das Hörbuch erschien bei Hörbuch Hamburg. Es handelt sich um eine gekürzte Lesung.
Mehr über den Deutschen Hörbuchpreis und die Preisträgerin auf der offiziellen Seite:
https://www.deutscher-hoerbuchpreis.de/dhp-2019/detailansicht/preistraeger/?no_cache=1&hbuid=3590

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