Aslı Erdoğan: Das Haus aus Stein Penguin Verlag

DSCN3354

„Was in dem Roman erzählt wird, ist natürlich frei erfunden. Erfunden aber hat es die Wirklichkeit.“

Diesen und weitere solch wunderbare Sätze finden sich in Aslı Erdoğans Roman „Das Haus aus Stein“, der bereits 2009 in der Türkei erschien und jetzt erstmals auf Deutsch zu lesen ist. Die Autorin hat ein aktuelles Vorwort vorangestellt, das unter anderem auch auf ihren eigenen Gefängnisaufenthalt hinweist und die Leserin staunen lässt, wie sie in diesem lange vorher erschienenen Roman bereits wie eine Wissende oder doch zumindest Ahnende über ein Gefängnis schreibt, über das Haus aus Stein. Absurd ist zudem, das Erdoğan für dieses Buch in der Türkei damals den bedeutendsten Literaturpreis bekam und Jahre später wegen ihres Schreibens inhaftiert wurde. Die Autorin war 132 Tage lang im Istanbuler Frauengefängnis und erzählt, dass sie nach ihrer Freilassung, die einfachsten Dinge nicht mehr tun konnte – „In der Haft entwickelt man sich zurück, wird wieder zum Kind ohne Rechte und Verantwortung.“. Heute lebt sie im Exil, aber sicher,  in Frankfurt am Main. Über die Erfahrung zu schreiben, fällt ihr schwer, macht sie sogar krank, heißt es im Nachwort. Sie wird es dennoch tun.

“ – ist das Schreiben nicht gewissermaßen die Kunst, in der Glut zu rühren, ohne sich dabei die Finger zu verbrennen? – „

Es ist ein nur etwa 100 Seiten zählender Text, der allerdings das Gewicht eines 1000-Seiters hat. Die Autorin schreibt in einer Dichte und Intensität, wie ich sie schon aus ihren vor zwei Jahren erschienen Essays „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ kenne. Diese Dichtheit macht es auch schwer, etwas über den Inhalt zu sagen. Denn es geht um nicht mehr und nicht weniger, als das Thema im Gefängnis sein/Gefangensein/unfrei Sein. Und wie kann man über dieses Thema mit solcher Schönheit und Poesie schreiben? Aslı Erdoğan kann es.

„Heute werde ich vom Haus aus Stein erzählen, dem das Schreiben gern ausweicht, dem es nur aus sicherer Entfernung zusieht, durch die Wörter hindurch.“

Es passiert vermeintlich nicht viel in dieser Geschichte. Ein junger Mann, nur A. genannt, der früh einen Gefängnisaufenthalt hatte, schafft es nach der Entlassung nicht mehr ins Leben zurück. Wir lesen von dem unendlichen Schmerz, körperlich uns seelisch und vom Leid in der Zeit danach. A. lebt auf der Straße, gegenüber des Gefängnisses, des Haus aus Stein. Er ist ein Niemand geworden. Die vorüber Eilenden beachten ihn nicht. Er ist für die Welt verloren. Eindringlich, wie eine einzige fortlaufende Suada, Sätze wie Refrains wiederholend, beschreibt die Autorin diese brüchige Existenz, die selbst keine Worte mehr findet, mitunter nur noch in wildes lautes Gelächter ausbricht. Ver-rückt. Den Verstand verloren. Erneut unfrei.

„Jedes Menschenleben ist schließlich eine Niederlage, nur fällt sie bei manchen grandioser aus als bei anderen.“

Dieses Buch ist hart, geht in die Tiefe des Schmerzes und ist eigentlich nicht auszuhalten, würde Asli Erdoğan nicht solche Worte dafür finden. Und auszuhalten vielleicht auch dann, wenn die Leserin sich vor Augen führt, dass die Autorin womöglich ähnlich Unerträgliches er- und überlebt hat. Und dass es immer noch überall auf der Welt solche furchtbaren Orte gibt – solche Häuser aus Stein.

Der Roman erschien im Penguin Verlag. Übersetzt hat es Gerhard Meier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Werbeanzeigen

6 Gedanken zu “Aslı Erdoğan: Das Haus aus Stein Penguin Verlag

  1. Ein tolles Buch, wenn ich auch Die Stadt mit der roten Pelerine noch deutlich besser fand. Ich hatte vergangenes Jahr schonmal die englische Ausgabe besprochen, die weitere Erzählungen enthält: https://diekolumnisten.de/2018/05/06/uebersetzt-mehr-erdogan-asli-nicht-recep/
    Und jetzt auch (kurz) die deutsche: https://soerenheim.wordpress.com/2019/04/09/asli-erdogan-das-haus-aus-stein-ganz-langsam-wird-das-werk-erschlossen/

    Ich hoffe, von der Autorin wird nun mehr übersetzt, und sie wird in Deutschland nicht auf die „Gefängnisschriftstellerin“ oder generell die Rolle der Politaktivistin reduziert.

    Gefällt 1 Person

    • Sie hat eine unglaublich tolle Sprache. Das fasziniert mich sehr. Ich merke ja jetzt schon, dass der Beitrag weit weniger Leser erreicht, als im letzten Jahr die Besprechung des Essaybands. Aus den Schlagzeilen, aus dem Sinn … oder so ähnlich.

      Gefällt 1 Person

      • Ja, Sprache ebenso wie Komposition – sie hat die Fähigkeit, ein modernes, vielschichtiges Handlungs/Motivgeflecht zu weben, das auf den ersten Blick aber sehr schlicht daherkommt. Anders als viele andere Moderne, bei denen das oft wie Slebstzweck wirkt, ist es bei Erdogan Mittel, um zu erzählen, nicht Schaukasten für die eigene Krassheit.

        Gefällt 1 Person

  2. Hast du Die Stadt mit der roten Pelerine schon gelesen? Ich kopier mal meine Kurzrezension ein:

    „Der formvollendetste mir bekannte türkische Roman ist Aslı Erdoğans „Die Stadt mit der Roten Pellerine“. Eine Aussteigerzählung aus Rio de Janeiro, darin eine junge gebildete Türkin zwischen Partys, Gangwars, Sex und Selbstzweifeln etwas – das Leben? Den Tod? Sich selbst? – sucht – oder flieht. Die Doppelkonstruktion, nach der die Protagonistin gleichzeitig einen Roman mit ganz ähnlichen Erlebnissen verfasst mag ein wenig klischeehaft anmuten, ist aber meisterhaft exekutiert. Die vielen kleinen Verschiebungen, die auf Mechanismen der Selbst- und Fremdwahrnehmung, der Anverwandlung und Exotisierung hinweisen, das unglaubliche Tempo, und selbst noch der allzu runde Schluss, in dem der Tod im „Roman im Roman“ verpackt und das Leben in Erdoğans Text fortgeführt wird, sind so souverän durchgeführt, dass es nicht stören sollte, dass ähnliche Textperimente natürlich längst Legion sind.“

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s