Tomas Espedal: Bergeners Matthes & Seitz Verlag

Foto: gemeinfrei wikimedia commons

Ein Buch über die Bewohner der norwegischen Stadt Bergen? Obwohl ich jedes ins Deutsche übertragene Buch von Tomas Espedal gelesen habe und seine Sprache liebe, überlegte ich skeptisch, ob ich „Bergeners“ lesen will. Als es mir dann in der Bibliothek in die Hände fiel, dachte ich, einen Versuch ist es wert. Und tatsächlich, Espedal wäre nicht Espedal, würde er nicht auch aus einem Buch über die Einwohner einer kleinen norwegischen Stadt am Meer ein sprachlich und emotional tiefes und geniales Buch machen. Spätestens aber, als er über die Einsamkeit schreibt (siehe Foto unten), folge ich ihm widerstandslos, immer in der Gefahr, in oder mit seinen Worten und Sätzen zu versinken.

„Sonntag, 14. August: Heute Nacht ist etwas passiert, was es noch nie gegeben hat. Ich schrieb bis halb zwei Uhr nachts, eine ganze Erzählung, eine meiner besten, glaube ich, in einem durch.“

Espedal erzählt anfangs weniger über die Stadt und seine Bewohner, sondern aus seinem Schriftstellerleben, vom Reisen und Unterwegssein. (Er erwähnt sogar, dass es wohl einen Auftrag gab, dieses Buch über Bergen zu schreiben, der schwerlich abzulehnen war.) Es gibt keinen stringenten Rahmen, keine Romanhandlung, aber das ist einem als Espedal-Fan durchaus bekannt. Er erzählt zunächst sogar von Zeiten, als er aus der Stadt flieht, aus Norwegen weg will, weil er in einer unschönen Szene in einem Band von Knausgårds „Min Kamp“ auftaucht und jeder ihn nun darauf anspricht, nachhakt, was da denn dran sei. Sogar im Ausland steht dann das Telefon nicht still. Espedal berichtet von typischen Handlungen oder eigentlich Nicht-Handlungen, wie am Fenster des Hotels sitzen und starren, ziellos durch die Stadt treiben lassen, grübeln, zweifeln, rauchen, trinken. Wenig bis kaum schreiben.

„Ich sitze an einer Straßenecke und schaue, rauche und schaue, schaue und trinke Wein, sitze den ganzen Tag da und schaue auf die vorüberströmende Menschenmenge, ein gleichmäßiger, beruhigender Menschenfluss; man hat die angenehme Empfindung zu ertrinken, von der Strömung zu stillen Wassern mitgeführt zu werden.“

Später lässt er innerhalb der Bergener Stadtstruktur diverse stadtbekannte Figuren auftauchen, Künstler, Schriftsteller, Malerinnen etc. , die sich sicher leicht erkennen, wenn sie denn das Buch lesen sollten. Es ist eine wilde, abenteuerlustige, aber auch irgendwie destruktive Bande, dem Alkohol und Sex nicht abgeneigt, gerade so, wie man sich das Künstlerleben eben vorstellt. Aber eben auch die Einsamkeit in aller Schärfe, die Verlorenheit, die sichtbare Wenigkeit des Seins, wenn die Kreativität blockiert ist, wenn alles zum Stillstand kommt.

„Er sagte: Du weißt genauso gut wie ich, dass die wichtigsten literarischen Werke schon längst geschrieben sind. Das, was ich über Heidegger gesagt hatte, hatte ihn verärgert, jetzt wollte er zurückschlagen, und dieser Schlag sollte mich umso härter treffen, da er wusste, dass ich versuchte, Romane zu schreiben.“

Espedal erzählt von seiner Kindheit im Viertel der Wohnblöcke in Bergen, vom Wetter, von Schreibblockaden, vom idealen Schreibort, den es vielleicht gar nicht gibt, von Versuchungen, von Ritualen und Routinen bis zur machtvollen Gewohnheit.  Von heißen griechischen Inseln ist die Rede, von den Bildern Goyas, von Literaturfestivals mit Begegnungen, wie etwa mit Dag Solstad, vom Besuch des ehemaligen Wohnhauses des großen Schriftstellers Ismael Kadare in Albanien und von einem Schreibkurs, den er im Bergener Gefängnis gibt. Er schreibt von Eifersucht, Gier und Neid. Von Intensität und Passion. Aber eben auch von Schönheit. Und von Liebe. Und vom Verlust, vom Leid, vom Tod. Durchbrochen werden die einzelnen, recht kurzen Sequenzen von Versen, Gedichten.

Espedals Sprache ist eine der schönsten, die ich kenne. Eine der wenigen, die kompromisslos die Tiefe sucht, die jedes einzelne Wort abwägt und stimmig setzt. Das Buch ist ein Muss für alle Espedalfans. Alle anderen fangen am Besten mit dem Buch an, dessen Titel ich unwiderstehlich finde:

Gehen oder die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen

Im Roman heißt es an einer Stelle außerdem:

„Amalie Skrams Romane gibt es schon, keiner der heutigen Autoren kann Skram auch nur von Ferne das Wasser reichen, …“

Den wunderbaren Roman  von Amalie Skram: Professor Hieronimus habe ich hier auf dem Blog bereits besprochen

Das Buch „Bergeners“ erschien im Matthes & Seitz Verlag. Die geniale Übersetzung aus dem Norwegischen ist wie immer von Hinrich Schmidt-Henkel.

Bildrechte: gemeinfrei wikipedia commons

4 Gedanken zu “Tomas Espedal: Bergeners Matthes & Seitz Verlag

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