Édouard Lewis: Im Herzen der Gewalt S. Fischer Verlag

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Von Édouard Louis` Romanen las ich immer wieder in verschiedenen Blogs und Zeitungen. Nun ergab sich die Möglichkeit die Inszenierung eines seiner Romane in der Schaubühne Berlin in der Regie von Thomas Ostermeier zu sehen. Als ich „Im Herzen der Gewalt“ verließ, war ich mit Eindrücken voll, die mich noch Tage danach über das Stück nachdenken ließen. Ich beschloss, unbedingt auch den Roman zu lesen.

Ich wusste nicht, las es erst später, dass Édouard Louis inzwischen einer der aktuell aufstrebendsten Intellektuellen Frankreichs ist. Auch war mir beim Lesen noch nicht klar, dass die Freunde, die er im Roman sehr oft mit Vornamen nennt, Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie sind. Beide sind bekannte französische Philosophen. Eribon landete einen Bestseller mit „Rückkehr nach Reims“, in dem er, wie Louis, von seinem Elternhaus in der französischen Provinz berichtet, jedoch nicht romanhaft. De Lagasnerie ist viel politisch aktiv und setzt sich für die Gelbwesten ein.

„Im Herzen der Gewalt“ beginnt damit, dass der Protagonist seine Wäsche in den Waschsalon bringt, zuhause alles putzt und zuletzt versucht, sich selbst klinisch rein zu waschen. Nichts hilft. Der Makel bleibt. Was ist passiert?

„Und ich dachte auch – in ungeduldiger Erwartung der Zukunft, die das Ganze in gewisser Weise in die Vergangenheit verlegen, es relativieren würde: In einer Woche denkst du: Jetzt ist es schon eine Woche her, komm schon, und in einem Jahr: Jetzt ist es schon ein Jahr her.“

In Rückblenden erfahren wir, dass Edouard Opfer einer Gewalttat wurde. Am Weihnachtsabend kehrt er sehr spät von Freunden in seine Wohnung zurück. Unterwegs spricht ihn ein Mann an, Reda, der in recht eindeutiger Weise Kontakt sucht. Zunächst versucht Edouard, der allein mit seinen Büchern sein will, ihn abzuwimmeln. Doch schließlich nimmt er Reda mit in seine Wohnung. Es kommt zu einvernehmlichem Sex. Reda erzählt von seinem Vater, der nach Frankreich emigrierte, ein Kabyle, kein Araber sei er. Araber hasse er.

Als Reda gegen Morgen aufbrechen will, bemerkt Édouard, dass sein Mobiltelefon fehlt. Als er Reda darauf anspricht, tickt dieser aus. Er fühlt sich als Dieb beschuldigt und in seiner Ehre beleidigt, obgleich er, wie sich herausstellt, tatsächlich das Telefon in der Tasche hat. In der Tasche hat er außerdem eine Pistole, mit der er Édouard später bedroht. Seine Wut steigert sich, je mehr Édouard versucht zu beschwichtigen und den Diebstahl, als in seiner prekären Situation als normal, ja notwendig hinzustellen. Reda würgt und vergewaltigt Édouard. Später, als Édouard es geschafft hat, ihn zur Tür hinaus zu bewegen, entschuldigt er sich gar und will wieder hinein.
Was Édouard erlebte war Todesangst.

Wie Édouard desweiteren mit der Situation umgeht, wie er sein dringendes Redebedürfnis dem Krankenhauspersonal, den Polizisten, die die Anzeige aufnehmen, seinen Freunden, seiner Schwester überstülpt, wird überdeutlich. Wie er später jedoch genau ins Umgekehrte driftet und nur noch darüber schweigen will, keine Therapie gegen das erlittene Trauma in Anspruch nehmen will. Sondern bewusst verdrängen, ja leugnen will, ist unglaublich präzise und zum Nachdenken anzettelnd geschrieben.

„Aber ich wusste, dass ich mich belügen musste. Ich sage nicht, dass das an sich eine Lösung ist, ich weiß nicht, ob sie für jedermann gälte, aber ich für meinen Fall tat gut daran, all meine Energie darauf zu verwenden, mich zu überzeugen, dass ich nicht traumatisiert war, und mir einzureden, dass es mir gutging, auch wenn das nicht stimmte, auch wenn es eine Lüge war.“

Gerade auf der Bühne entfaltet sich hier die Komplexität der Ereignisse sehr plastisch: Die Bemühungen des Opfers (der selbst aus einer armen Familie stammt), den Emigrantensohn in seiner prekären Lage zu verstehen und nicht überheblich, sondern großzügig zu wirken, verkehren sich ins Gegenteil. Die Gewalt des Täters im Spiegel seiner Herkunft, im Verleugnen der eigenen Homosexualität durch Herauskehren der vermeintlichen Männlichkeit durch Gewaltausübung. Das Gefühl Édouards, dass selbst die engsten Freunde, ihn nicht verstehen. Wie er letztlich doch Anzeige erstattet.

Ach darum – so dachte ich, heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es sich so verhält, aber in dem Moment dachte ich: „Er begehrt dich und verabscheut sein Begehren zugleich. Er will dich für sein Begehren büßen lassen. Er will sich sleber glauben machen, dass ihr das alles nicht getan habt, weil er dich begehrt, sondern als Vorwand für das, was er jetzt tut, …“

Louis berichtet hier nicht chronologisch, sondern lässt seine Hauptfigur von Emotionen geleitet, scheinbar sprunghaft erzählen. Zudem baut er eine weitere Instanz ein, nämlich Édouards Schwester, der er bei einem Besuch, einer Flucht gleich, von seinem schrecklichen Erlebnis erzählt. Diese wiederum erzählt die Geschichte ihrem Mann, was eine ganz neu Sicht auf die Dinge wirft, da sie die Geschehnisse, als typisch für ihren Bruder auslegt und meint, er hätte vorher wissen können, was für ein Täter Reda sei. Gleichzeitig zeigen sich hier wieder die tiefen Differenzen zwischen Bruder, der zum Studium von Zuhause fort ging, und die Schwester, die im Heimatort blieb.

„Im Herzen der Gewalt“ ist sowohl als Theaterstück, als auch als Buch ein großes Erlebnis. Es bringt so viele der aktuellen gesellschaftspolitischen Themen auf den Punkt, Rassismus, Homophobie, Klassenunterschiede, dass man daran eigentlich gar nicht vorbeikommt. Es regt in ganz verschiedenen Richtungen zum Denken an und ist nicht so schnell vergessen. Und all das in feinster Sprache. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im S. Fischer Verlag. Mehr über den Autor und eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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3 Gedanken zu “Édouard Lewis: Im Herzen der Gewalt S. Fischer Verlag

  1. Mich hat gerade die Entscheidung, seine Schwester noch einmal erzählen zu lassen, nicht überzeugt. Der Roman hat gemischte Gefühle bei mir ausgelöst. Dennoch will ich unbedingt die Inszenierung in der Schaubühne ansehen, ich bin dort eigentlich noch nie enttäuscht worden. Übrigens sehr eindrücklich war auch die Umsetzung von „Rückkehr nach Reims“. Vielleicht wird das in der nächsten Saison ja wieder gespielt, das kann ich empfehlen!

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    • Doch, ich fand den Blickwinkel der Schwester höchst interessant und die dadurch entstandene Mehrdeutigkeit des Geschehens. In der Inszenierung wird das noch deutlicher. Für Rückkehr nach Reims habe ich nie Karten bekommen. Vielleicht klappt es beim nächsten Mal.
      Viele Grüße!

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      • Das ging vermutlich vielen so… Ich fand das irgendwie aufgesetzt, aber so ist das eben. Ja, mal schauen, ob die es wieder aufnehmen, ich freue mich ja sehr, dass Joachim Meyerhoff kommt. Viele Grüße und ein schönes Wochenende Dir!

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