Lina Atfah: Das Buch von der fehlenden Ankunft Pendragon Verlag

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Die 1989 geborene Lina Atfah kommt aus Syrien. Sie studierte arabische Literatur, kam 2006 wegen ihres Schreibens mit dem Gesetz in Konflikt und durfte 2014 aus dem Land ausreisen. Seither lebt und schreibt sie in Deutschland. Lisa Atfah ist unter anderem auch Teil des tollen Projekts „Weiter schreiben“, welches ich hier schon mit dem Buch „Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt“ vorgestellt habe. Die Initiative der beiden Schriftstellerinnen Annika Reich und Lina Muzur hinterfragt, wie sich Schriftsteller und Dichter fühlen, wenn sie nicht nur aus der Heimat sondern auch aus der Muttersprache geworfen werden. So ist dieser Band auch zweisprachig, arabisch im zweiten Teil, und wurde von mehrerern Übersetzern übertragen.

“ – Was macht die Sprache?
Sie gibt dir einen Spiegel, damit du in großer Stille deine
Einsamkeit betrachten kannst
– Wo gehe ich mit meinen Gedichten hin?
Hebe ein kleines Grab in deinem aus Kissen und schlaf, damit
deine Träume wahr werden“

Herausgekommen ist ein intensiver, hoch komplexer Lyrikband. Lina Atfah umkreist sich selbst und schaut in den Spiegel. Sie seziert ihre Gedanken, ihr unablässiges Denken, über das was war und das was daraus entstanden ist. Atfah bedient sich einer märchenhaft fabulierenden Sprache, während sie gleichzeitig von Flucht, Gewalt und Tod spricht. Wie sonst könnte man darüber schreiben? In einem ihrer Verse schreibt sie jedoch auch, das es lange gedauert hat, bis diese Gedichte entstehen konnten.

„ich ordnete die Dinge meines Herzens
das Schreiben gehorchte mir nicht
meine Sprache umarmte meinen Wunsch nicht
meine fernen Erinnerungen beugten sich über meine
Gegenwart
sie taumelte und verneigte sich“

In diesen Gedichten finden wir vor allem Abschied und Verlust. Erinnerungen an eine bessere Zeit gehören dazu, die Kindheit, jedoch sehr begrenzt. Viel mehr Raum nimmt das Thema Vertreibung ein. Der IS bedroht die Bevölkerung, besetzt syrische Städte und Dörfer und richtet Massaker an. So schreibt Atfah auch ein Gedicht konkret über den Überfall auf ein Dorf, in dem Verwandte wohnen. Aus diesem Ort wird ein Schlachtfeld. Der Tod erhält eine Stimme, das Leid. „Willst du den Apfel des Neins? Oder ein Paradies im Nichts?“.  Die Sprache bricht.

„Die Kriege ändern sich nicht
die Angst räumt alle Dinge auf
die Zivilisation formuliert die Bilder neu
Hunger ist Totschlag, der die Hände nicht befleckt
wie üblich sind die Gedichte bestürzt, doch nicht auf der Höhe
ihrer Helden“

Atfah schreibt aber auch über alte arabische Mythen. Sie ist darin tief verwurzelt, findet aber einen eigenen zeitgemäßen Ausdruck dafür. Sie verleiht auch den Frauen eine Stimme, betrachtet deren Leid und Unfreiheit. Sie schenkt ihnen eine Rose. Ihre Sprache ist Schwert und Liebkosung zugleich und ich staune voller Anerkennung.

Was Lina Atfahs Sprache vermag, ist unglaublich. Es ist eine sehr besondere Art, ein sehr besonderer Blick, sehr persönlich, auf die entsetzlichen Geschehnisse in Syrien und gilt auch für all die anderen schrecklichen Kriegsschauplätze. Wer diese Verse liest, kommt vom Denken ins Fühlen …

Im Vorwort schreibt Nino Haratischwili, die durch ihren großen Georgien-Roman „Das achte Leben“ sehr bekannt wurde, wie sie durch Annika Reich in Kontakt mit Lina Atfah kam und von deren ausdrucksstarken Gedichten begeistert war. Auch sie kannte aus Gesprächen mit ihrer Großmutter die Zensur der Schreibenden. Gedichte jedoch, machten es oft möglich verschlüsselt doch zu schreiben, was eigentlich unmöglich war. Auch Lisa Atfahs Gedichte fielen unter die Zensur. Nun hat sie hoffentlich eine neue literarische Landschaft hier in Deutschland  gefunden.

Der Band „Das Buch von der fehlenden Ankunft“ erschien im Pendragon Verlag. An Übersetzung und Übertragung beteiligt waren folgende Autoren: Dorothea Grünzweig, Mahmoud Hassanein, Brigitte Oleschinski, Hellmuth Opitz, Christoph Peters, Annika Reich, Joachim Sartorius, Mustafa Slaiman, Suleman Taufiq, Julia Trompeter, Jan Wagner, Kerstin Wilch, Osman Yousufi. Eine Leseprobe gibt es hier
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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