Lütfiye Güzel: dreh-buch go-güzel-publishing

„Eine Tragödie ist in fünf Akte eingeteilt. In nur fünf Akte.“

Allein wegen ihrer speziellen Idee, ihre Texte selbst zu „vermarkten“ und sich nicht diesem Verlagssuche-Glücksspiel zu unterwerfen, finde ich Lütfiye Güzel erwähnenswert. Zum Glück sind aber ihre Gedichte, falls man sie dieser Kategorie zuschreiben möchte, ebenfalls eine Entdeckung wert. Die 1972 in Duisburg geborene Autodidaktin ist zudem bildende Künstlerin. Ihr Einfallsreichtum, was das Selbst-Verlegen angeht, macht sich dann auch in ihren Werken bemerkbar. So gab es schon Aufkleber mit Gedichten und eine Art Loseblattsammlung in Papiertüten.

Da ich selbst Lyrik schreibe, und mich umsehe, was andere so schreiben, ist mir ihr Name schon mehrfach aufgefallen, habe ich einzelnes gelesen. Nun wurde mir ihr neuer Band „dreh-buch“ in die Hände gespielt. Glänzender Umschlag in schwarz mit der Abbildung eines Insekts, vermutlich einer Stubenfliege (womöglich eine Plastik der Autorin?).

„Weitere Notizen des Zweifelns:
Wie soll dieses Theaterstück
auf die Bühne kommen? Der Film auf
die Leinwand? Schreiben reicht nicht
mehr. Es muss getreten werden
und gebrüllt.“

Im Inneren in der typischen Schreibmaschinenschrift „Courier New“ das Drehbuch. Ein Drama in 5 Akten. Dass es sich hier wirklich um ein Theaterstück handeln soll, scheint mir wenig glaubhaft. Wenn überhaupt, dann ist es eher ein treffliches Abbild der Inszenierung, die wir Leben nennen. Womöglich ist es das Theater, das pausenlos in den meisten menschlichen Wesen abläuft: Der Versuch nach Drehbuch und Regieanweisungen zu spielen; die Unmöglichkeit es perfekt hinzukriegen, die daraus resultierende Notwendigkeit der Improvisation.
Güzel hinterfragt dabei die Lebensart ihres „lyrischen Ichs“ in kleinen Schritten, Akt für Akt. Die Bewegung dabei scheint im Krebsgang stattzufinden: ein Schritt vorwärts, zwei rückwärts …

„Die Urheberin der Nichtigkeit:
Durch die Gegend existieren.
Das Sein a cappella.
Das verschluckte Ich.

Güzels Texte sind zudem vor allem solche, die Fragen stellen. Es bedarf einer/s mit-denkenden Lesenden. Antworten gibt es nur im Selbstversuch. Oder zwischen den Zeilen. Was zu offensichtlich erscheint, hat garantiert einen doppelten Boden. Eine große Knappheit kennzeichnet die Verse, verdichtete und entschlackte Sprache. Alles unnötige, wuchernde gestrichen. Der Blick oft in Richtung Einbahnstraße des Lebens, gar in Richtung Sackgasse. Dagegen anschreiben vielleicht, dafür schreiben, dahin schreiben. Und das nicht unbedingt laut, aber wild und eigen.

„Nur flüstern. Nur hoffen, dass man
das Frühstück überlebt und sich
selbst.
Uncut, wenigstens heute.“

Damit auch Jugendliche die Möglichkeit des Schreibens finden, gibt Güzel auch Workshops für Schüler. Vielleicht nicht die schlechteste Idee den Schriftstellernachwuchs zu fördern. Es müssen nicht alle in Hildesheim oder Leipzig das Schreiben studieren. Das (Er-)Leben selbst ist oft die beste Schule.

„Am Nebentisch drei Frauen. Alle mit
Ohrringen. Vielleicht ist alles noch
in Ordnung, wenn man Ohrringe trägt.“

Bestellen kann (und sollte) man die Werke Lütfiye Güzels direkt unter https://luetfiye-guezel.tumblr.com/BOOKS

 

 

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