Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter Dumont Verlag

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Der wunderbaren Autorin Judith Kuckart wünsche ich mehr Aufmerksamkeit für ihre Bücher. Ich lese ihre Romane schon lange und bin jedesmal angenehm überrascht über die Vielfalt, die sie in aller Ruhe in ihren Geschichten ausbreitet. Das Unspektakuläre liegt ihr, denn sie schafft es durch ihre fantasiereiche Sprache etwas ganz Besonderes daraus zu machen.

„Ob das neue teure Stadthaus, einen Steinwurf von meinem alten Hinterhaus entfernt, das so prunkvoll Licht und Luft verdrängt, sich daran erinnert, dass es mal eine Lücke war?“

Schwierig zu erläutern, um was es in diesem Roman geht. Oberflächlich gesehen, geht es um eine 54jährige Frau, die über die vergangenen Partnerschaften und daraus resultierend übers Älterwerden in ihrem Leben nachdenkt. Zu recht ein wenig melancholisch, aber extrem reflektiert sieht das dann aus, wenn Judith Kuckart eine solche Geschichte erzählt.

Der Überbau der Geschichte: Eine Frau sitzt als recht spezielle Freizeitbeschäftigung an Wochenenden am Flughafen Tegel Berlin, trinkt, und beobachtet die Menschen rundherum. Fliegen wird sie nicht, darum geht es nicht. Eines Sonntags kommt sie mit einem Mann ins Gespräch. Sie erfährt, dass er 36 ist, beruflich nach Sibirien fliegt und am nächsten Samstag zurückkehrt. Sie findet ihn sympathisch.

Die 36 scheint eine magische Zahl im Leben unserer Heldin Konstanze zu sein und so gerät sie ob dieser Begegnung in einen Erinnerungsstrom. Sie begibt sich rückblickend auf ihre Verflossenen auf eine Reise in die Vergangenheit. Als Studentin mit 18 lernt sie den politisch engagierten, unruhigen Viktor kennen, der damals 36 Jahre alt war. Doppelt so alt wie sie. Gleich zu Beginn entdeckt sie Dinge an Viktor, die sie eigentlich eher abschrecken, sich auf ihn einzulassen. So ist diese Beziehung immer eine Gratwanderung.  Dennoch verbringt sie viele viele Jahre mit ihm.

„Wie war er an dem Abend eigentlich an den raschen Urteilen ihres Verstands vorbeigekommen? Hatte er das richtige Passwort … ?“

Als sie selbst dann 36 ist, lernt sie ihren zukünftigen Partner Johan kennen, der ebenfalls 36 ist und erlebt eine lange, zunächst sehr ausgeglichene Beziehung, welche allerdings mehr und mehr von beider beruflich prekären Situation geprägt wird.

„In seinem [Zimmer] baute er sich einen riesigen neuen Schreibtisch mit zwei Telefonanschlüssen, Scanner und großem Computerbildschirm, auf dem er seine Ratlosigkeit verwaltete.“

Das Ende der Beziehungen kommt dann jeweils wenig überraschend. Hier zitiert Kuckart das Gedicht „Sachliche Romanze“ von Erich Kästner, welches ich hier mit einbinde, weil es so stimmig zum Roman und so schön ist:

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Bei Lyrikline liest Kästner es vor.

Und nun der 18 Jahre jüngere, also wieder 36-jährige Robert Sturm am Flughafen. Noch während des Gesprächs, malt sie sich aus, wie dieser Sturm lebt, ob sie sich wiedersehen und gerät in den Bann des jüngeren Manns. Sturm fliegt davon und sie bewegt sich in Gedanken immer ihren Fantasien über ein Wiedersehen folgend, durch ihren Alltag, ihre Arbeitswoche in einem wissenschaftlichen Versuchslabor. Sie hat ihm eine Visitenkarte entwendet und sucht sein Wohnhaus, ruft seine Telefonnummer an, obwohl sie weiß, dass er nicht da ist. Was wie Stalking klingt, wenn ich es hier so hinschreibe, ist etwas ganz anderes. Ich bin mir sicher, dass es eine unbenennbare Sehnsucht ist, die die Heldin vorantreibt, vielleicht die Sehnsucht nach tiefer Liebe, nach dem großen Sinn. Vielleicht vom Alleinleben, vom Älterwerden geprägt, äußert sich dieser Wunsch in einer schrulligen, skurrilen Art und Weise. Kuckarts Hauptfigur ist mir sehr sympathisch.

Sie hinterfragt, wie die Beziehungen zu Ende gehen konnten, ob sie es nicht lang zuvor schon waren und nur noch in der Gewohnheit gelebt wurden. Was war gut, was war schlecht? Wie hätte es besser gemacht werden können? Sie erinnert sich an ihr Studienfach Neurobiologie und an das Schreiben ihrer Doktorarbeit unter dem Titel „Emotionale Ansteckung“, die im Grunde vielleicht Antworten auf die Fragen hätte geben können. Denn oft hatte sie sich angepasst an die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Partner.

Kuckart teilt ihren Roman in 7 Kapitel ein, die jeweils einem der Wochentage entsprechen, bis Sturm von seiner Reise zurückkehrt. Zwischen den Kapiteln fügt sich eine Art Traumtagebuch ein, falls ich das richtig definiere, welches einmal mehr Auskunft gibt über den Gemütszustand der Heldin. Es sind solche Sätze, solche Passagen, die das Lesen zur Freude machen:

„Sie hatte dem zukünftigen Vermieter nicht widersprechen wollen. Er war ein munterer Rheinländer, den die Welt erst etwas anging, wenn sie lustig zusammengefasst als Karnevalsumzug direkt durch die Straße kam.“

Wer so virtuos und mutig und auch witzig mit Sprache umgeht, hat mehr Aufmerksamkeit verdient. Eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis sollte dieses Jahr eigentlich mal drin sein …

„Kein Sturm, nur Wetter“ erschien im Dumont Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Einen weiteren Roman von Judith Kuckart mit dem wunderbaren Titel „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ habe ich hier auf dem Blog besprochen. Und kann ihn ebenso wie alle zuvor erschienenen sehr empfehlen.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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2 Gedanken zu “Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter Dumont Verlag

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