Ana Marwan: Der Kreis des Weberknechts Otto Müller Verlag

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Womöglich der schönste Debütroman dieses Jahres: Er kommt von  der 1980 in Slowenien geborenen, in Wien lebenden Ana Marwan und erinnerte mich anfangs im Sprachstil und mit seiner skurrilen Hauptfigur gleich an die Romane von Anna Weidenholzer (hier besprochen: „Weshalb die Herren Seesterne tragen“), in seiner Intensität aber auch an Anna Baar (hier besprochen: „Als ob sie träumend gingen“). Im Laufe der Handlung entwickelt sich daraus eine wunderbare eigene Erzählart, die mit schrägem Humor auffällt, mit Sprache exzellent spielt und zudem noch ausgesprochen klug und so ganz anders als üblich mit Genderklischees umgeht.

Es geht um Karl Lipitsch. Und zwar ganz und gar. Lipitsch ist nämlich ein Egoist, ja womöglich ein Narzist, auf jeden Fall jedoch ein Misanthrop, wie er selbst stolz behauptet. Lipitsch schreibt an einem Buch. Einem philosophischen. Worum es geht, weiß man nicht so genau. Er möchte dabei jedoch möglichst wenig gestört werden. Vor allem nicht von einer Frau. Denn Frauen findet er anstrengend, Beziehungen wenig gewinnbringend. Lipitschs Frauenbild lässt allerhand zu Wünschen übrig. Also ein durch und durch unsympathischer Zeitgenosse.

„Wenn du es mal satt hast und aufhörst mich gut zu stillen, werde ich schreien, wenn du anfängst von Ent-wicklung zu reden, werde ich weinen und mir eine Neue suchen, die das besser macht. Ich werde auch aufhören, dich schön zu finden, mal schauen, ob du mich dann auch so schnell ersetzen kannst.“

Doch seine Nachbarin Mathilde, die er zufällig am Flughafen, bei der Rückkehr von einem Familienfest trifft, ist sehr freundlich zu ihm, wie er findet, bis zur Aufdringlichkeit. Auf keinen Fall will er mit ihr mehr zu tun haben. Doch Mathilde will Kontakt knüpfen, am Gartenzaun spricht sie ihn an, wo er doch gerade vertieft ist ins Schreiben. Mathilde lässt nicht locker und Lipitsch gesteht ihr sogar außer einem hübschen Aussehen ein wenig Klugheit zu, kennt sie doch immerhin Proust, weiß sogar Zitate daraus.

„Proust ist nicht jedermanns Sache“, öffnete Lipitsch gleich ein Ventil. Er betätigte regelmäßig die Ventile seiner Wut, die sich im Bereich der Zweideutigkeit befanden, damit alles unverrostet und gut gelüftet und gesund blieb, und offene Konflikte vermieden werden konnten.“

Es ist höchst spannend und amüsant als Leserin mitzuverfolgen, wie Lipitschs Innenwelt von seinem äußeren Verhalten Mathilde gegenüber abweicht. Denn innen entsteht langsam aber stetig eine Abhängigkeit von ihr. Er wartet auf Zeichen, auf Gesten, auf Einladungen zu ihren Salon-Abenden, um sich möglichst vorteilhaft zu zeigen, denkt ständig was er noch tun kann, um gut anzukommen. (Ein herrliches Beispiel dafür: Er überlegt sich ein kleines Mitbringsel für sie. Es darf nicht zuviel, nicht zu wenig sein. Er hat noch ein Glas Honig stehen, entfernt das Etikett und ersetzt es durch ein handgeschriebenes und gibt es als frischen Imkerhonig von einem Bekannten aus.) Doch nie gesteht er sich gänzlich zu, dass womöglich Zuneigung entstanden ist, dass er sich vielleicht gar verliebt hat. Mathilde gegenüber schon gar nicht. Ihr Angebot sich endlich zu duzen, lehnt er rundweg ab. Zuviel Nähe erträgt er nicht.
Dennoch vereinbaren sie für jeden Freitagnachmittag Kaffeetreffen.

„Die ersten Male wartete er mit großem Unbehagen, bestehend bald aus Angst, dass sie nicht kommen würde, bald aus vorzeitiger Wut, weil sie vielleicht nicht gekommen sein wird, oder aber auch aus mühsam vorgetäuschter Indifferenz, ob sie kommen würde oder nicht. Ihre Pünktlichkeit wiegte ihn jedoch bald in ein Gefühl von Sicherheit, denn sie wusste ihr Spinnennetz als Hängematte anzubieten.“

Eines freitags – es sind Monate mit regelmässigen Treffen vergangen, Lipitsch fühlt sich mittlerweile sicher und angenehm mit Mathilde, mehr braucht und will er nicht – erzählt Mathilde, dass sie für 2 Wochen in Urlaub fährt. Mit wem? Mit Arbeitskollegen (er weiß noch immer nicht, wo und was sie arbeitet!). Lipitsch fällt aus allen Wolken. Wie kann sie nur? Und so kurzfristig? Wie soll er das durchstehen?

Für Mathilde, die Kluge, ist der Urlaub schließlich ausschlaggebend um einen Schlußstrich zu ziehen. Klar erkennt sie, dass mit „Karl“ nichts weiter anzufangen ist und beendet ihre Treffen nach ihrer Rückkehr.

Lipitsch nun, geht durch alle Phasen einer echten Trennung. Sieht bei sich keinerlei Schuld am Scheitern. Wütet innerlich. Droht. Schreibt Briefe. Versucht erneut Kontakt zu knüpfen. Sieht letztlich ein, dass er es verpatzt hat. Dass aus alldem für ihn eine Erkenntnis reift, die er schriftlich darlegt. Dass er, der nie an so etwas wie Schicksal glaubt, plötzlich den Zufall als weltbewegend sieht und als ausschlaggebend für die Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft, den ewigen Kreislauf des Lebens, ist erstaunlich (so klärt sich auch der ungewöhnliche Titel des Romans am Schluß). Aber wer weiß, vielleicht hat Lipitsch sich auch hier wieder in eine Theorie verrannt, die ihn vom echten Leben fern hält? Überlegt die Leserin …

Ana Marwan deckt die im Geheimen wirkenden Muster von Männern und Frauen auf. Sie hat eine brilliante Charakterstudie eines durch und durch unsympathischen Mannes geschrieben. Doch sie entlarvt ihn, durchleuchtet ihn und lässt ihn in einer großen freundlichen Geste an einer Frau, an einer Beziehung wachsen. Ich bin froh, das mir dieses Buch vom Otto Müller Verlag nahe gelegt wurde. Es ist eine erfrischende und amüsante, kluge und sprachlich hervorragende Entdeckung!

Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Eine aufschlußreiches Interview mit der Autorin und eine Leseprobe gibt es hier.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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