Nora Bossong: Schutzzone Suhrkamp Verlag

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Gleich vorweg: Ich bedaure sehr, dass Nora Bossongs Roman „Schutzzone“ nicht auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gewählt wurde. Ich kenne Bossong als Lyrikerin und von ihrem Roman „36,9“ über Antonio Gramsci. Und auch in diesem Roman geht sie wieder brillant mit Sprache um. Bossong hat zudem ein Thema gewählt, das höchst interessant und brisant ist. Dass darin auch eine Art Liebesgeschichte steckt, ist ohnehin nur ein Spiegel des gleichen Themas. Es geht um Mira, eine Mittdreißigerin, die für die Vereinten Nationen arbeitet und dabei ständig unterwegs ist, nie Ruhe oder einen sicheren Ort findet, keine Schutzzone, auch nicht in einem anderen Menschen.

“ …die UN riefen auf und baten und befürworteten und betonten und unterstützten und drängten und entschieden, mit der Angelegenheit befasst zu bleiben. Das tun sie eigentlich immer.“

Bossong hat offenbar intensiv recherchiert und verbindet ihr Wissen mit einer einmaligen Art, dieses in eine sehr klingende Sprache einzubetten. Dabei lässt sie viel Raum und überlässt dem Leser die Aufgabe Miras Persönlichkeit vorm inneren Auge wachsen zu lassen. Die einzelnen Kapitel sind nach den Orten in der Welt benannt, an denen Mira ihre Aufgaben als Vermittlerin zwischen zerstrittenen, kriegführenden Völkern wahr nimmt. Dass sie eine gute Zuhörerin ist und durch ihr Schweigen, alle zum Reden bringt, fördert ihre Karriere. Eine Karriere, die eigentlich nur in eine Sackgasse führen kann, wie Mira im Laufe der Zeit, von Ort zu Ort, immer bewusster wird.

„Es gab das Licht um drei Uhr morgens in den Sitzungssälen, blasser als jede Dämmerung. Das Licht der aussichtslosen Verhandlungen. Sie wurden in die Länge gezogen, weil wir so schlecht damit klarkamen, dass etwas ins Nichts lief. Weil wir lieber müde als ohnmächtig waren. Eine Situation nicht zu beherrschen, hielten nicht viele von uns aus, die meisten hielten es nicht für möglich.“

Mira pendelt über viele Jahre hinweg zwischen Berlin, New York, Genf, Ruanda, Burundi und führt Gespräche, schreibt Berichte an ihre Vorgesetzten. Immer steht sie zwischen den Fronten, sei es bei der Vermittlung zwischen der Türkei und Griechenland auf Zypern oder im fernen afrikanischen Staat Burundi, wo sie beispielsweise mit Rebellenführern zum Dinner mit Gespräch erwartet wird. Dass dabei endlos geredet wird, nach ewigen Bemühungen immer nur winzige Schritte aufeinander zu gelingen, lässt auch Mira manchmal verzweifeln. Denn es gibt sie eben nicht, die eine Wahrheit.

Bossong schafft es mit wenig Aktion, eher mit Ungesagtem eine diffuse Stimmung zu schaffen, wiederholt beschwörend manche Szenen. Ob es die ausgelassenen Parties sind, die in mit Stacheldraht gesicherten Häusern inmitten der Kriegsgebiete stattfinden oder die Gespräche mit misshandelten, vergewaltigten Frauen, die Besuche in den Flüchtlingslagern an der Grenze, die Autorin trifft den Nerv. Die Leser*in wird vom krassen Wechsel zwischen Normalität und schlimmsten Grausamkeiten hin- und hergetrieben, wobei es die Auslassungen sind, die der jeweiligen eigenen Fantasie ausgeliefert sind.

„Die Hilfskonvois fahren. Die Diktatoren diktieren. Die Sopranisten singen. Und irgendwo schneidet ein Mann, der sonst nicht weiter auffallen würde, Leichensäcke auf, um zu sehen, ob seine Tochter darin liegt.“

Mira findet ein wenig Sicherheit in den Begegnungen mit Sarah, einer jungen europäischen Ärztin. Später in Genf trifft sie auf Milan, den sie aus ihrer Kindheit kennt und der nun als Kollege von ihr, wieder Raum einnimmt. Sie beginnen eine Art Beziehung, die nicht von Dauer ist, da Milan eine Frau und ein Kind hat. Mira ist auch in ihren Partnerschaften auf verlorenem Posten, findet nicht die Nähe, die sie sucht, die ihr Halt im steten Unterwegssein geben könnte. Nachdem die von ihr vorbereiteten Zypern-Gespräche kolossal scheitern, überlegt Mira aufzugeben … Große Empfehlung!

Nora Bossongs Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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3 Gedanken zu “Nora Bossong: Schutzzone Suhrkamp Verlag

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