Brown Bag Lunch im Literaturhaus Berlin: Zum 100. Geburtstag von Else Lasker- Schüler

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Seit die beiden großartigen tatkräftigen Frauen Sonja Longolius und Janika Gelinek die Leitung des Literaturhauses Berlin Anfang 2018 übernommen haben, hat sich einiges verändert. Ich bin auch vorher gerne zu Veranstaltungen gegangen, nur seltener, weil weniger im Angebot war, was mir gefiel. Teils verstaubte alte Formate sind passè und nun gibt es unter vielem anderen auch einmal monatlich den „Brown Bag Lunch“, eine Lesung oder Gespräch über Literatur um die Mittagspausenzeit, bei der Zuhörer*innen ihr Lunchpaket verspeisen können. Klingt erst mal seltsam und gewöhnungsbedürftig. (Der Begriff kommt aus den USA, siehe Brown Bag Lunch). Im Literaturhaus wird auch eher wenig gegessen, wie ich feststellte, aber gefüllt ist der Raum auch um diese Uhrzeit fast immer. Es sind auch höchst spannende Themen, höchst interessante Akteure auf der literarischen Bühne.

Es war das zweite Mal, dass ich zur Lunchzeit hier war. Beim ersten Mal im Januar ging es um Hannah Arendt, Simone Weil und Rosa Luxemburg. Am 18. September stand die Lyrikerin und Künstlerin Else Lasker-Schüler im Mittelpunkt. Die Literaturkritikerin Meike Feßmann und die Autorin Judith Kuckart sprachen über neue Bücher zum 150. Geburtstag des „Prinzen von Theben“.

Beide haben sich ausgiebig mit der 1869 geborenen Dichterin und vielseitigen Künstlerin befasst und teilten ihr Wissen engagiert und kurzweilig. Judith Kuckart wurde wie Lasker-Schüler in Wuppertal-Elberfeld geboren und hat ihre Magisterarbeit über die Kunstfigur Prinz Jussuf von Theben geschrieben (Ihren neuen wunderbaren Roman „Kein Sturm, nur Wetter“ habe ich kürzlich hier besprochen). Sie berichtete, dass Lasker-Schüler die Figur des Jussuf  nach der Trennung von Herwart Walden erfand und dass sie möglicherweise eine Art Schutzfigur, ein Alter Ego war, die aus ihrer Phantasie und Sehnsucht entsprang.

„Ich sterbe am Leben und atme im Bild wieder auf“

Lasker-Schüler lebte zeitweise in prekären Verhältnissen, war oft auf Zuwendungen von Mäzenen angewiesen. Ihre avantgardistischen Arbeiten hatten es oft schwer, Anklang zu finden. 1932 erhielt sie endlich eine große Anerkennung, den Kleist-Preis. Doch bereits 1933 floh sie aus Berlin, wo sie seit 1894 lebte, weil man sie als Jüdin tätlich angriff und bedrohte. Sie ging in die Schweiz, wo sie aber immer nur befristete Aufenthaltsgenehmigungen erhielt. Ab 1939 lebte sie schließlich notgedrungen im Exil in Palästina. Sie starb im Januar 1945 in Jerusalem.

Bereits in Berlin und auch wieder in Jerusalem war sie bemüht, einen Kreis oder eine Art künstlerisches Kollektiv um sich herum zu begründen. Sie hoffte auf Anerkennung, auf ein Gesehenwerden und was im Außen nicht möglich war, erschuf sie sich in ihrer reichen Innenwelt und machte daraus ihre Kunst. Sie schrieb jungen Verehrern Liebesbriefe, die sicher auch als Vergewisserung des Selbst dienten und oft stellvertretend für „echte“ Liebesbeziehungen standen. Mit Gottfried Benn verband sie ein solcher Austausch, intensiv auch mit dem Maler Franz Marc und sogar mit Karl Kraus. Elke Lasker-Schüler schrieb nicht nur Gedichte, sie verfasste Dramen, verdingte sich im Varietè und als Schauspielerin. Was mich besonders interessiert, sind ihre ausdrucksstarken Zeichnungen.

Eine Faksimile-Ausgabe mit Handschriften ihrer Gedichte für Hugo May, die in der Schweizer Zeit entstanden und erst vor einigen Jahren entdeckt wurden, erschien 2019 im Wallstein Verlag. Ein echter Schatz!

Mehr Biographisches gibt es auf FemBio. Ein wunderbarer Ausstellungskatalog zu ihren Zeichnungen erschien im Suhrkamp Verlag.

Der nächste Braun Bag Lunch findet am 29.10. statt und trägt den Titel „Mein Leben mit Joyce“. Mehr über alle Veranstaltungen gibt es auf der Seite des Literaturhaus Berlin.

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