Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe Hoffmann und Campe

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Was für ein fantastischer Erzähler! Selten habe ich so einen Erfindungsreichtum im Roman gefunden bei sprachlich so hohem Niveau. Nun „bearbeitet“ Otremba auch genau die Themen die mich brennend interessieren. Es geht hier darum, wie wirklich die Wirklichkeit ist, was die Zeit bedeutet, wie Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sich zueinander verhalten. Wie kann ich mein Bewusstsein schulen und zu außergewöhnlichem bringen? Gibt es die Möglichkeit der Unsterblichkeit? Was, wenn wir keine Sprache für all das hätten?

Wie schon vor einiger Zeit Don DeLillo in „Null K“ beschäftigt sich auch Hendrik Otremba in seinem neuen Roman mit dem Thema Kryonik. Menschen, die hoffen, den Tod dadurch überwinden zu können, dass sie sich einfrieren lassen, um später, wenn es ausreichend technische Möglichkeiten gibt, wieder erweckt zu werden, sind bisher noch relativ selten. In den USA gibt es schon mehr Möglichkeiten. Hier spielt auch überwiegend das Buch. Auch Thea Dorn hat das Thema Unsterblichkeit in ihrem Roman „Die Unglückseligen“ ausgearbeitet, aber auf ganz andere Art und Weise. In seinem Stil erinnert mich der Roman irgendwie an den letzten von Christian Kracht, aber auch an Georg Kleins Miakro, die ich ebenfalls sehr mochte.

Im einführenden Kapitel begegnen wir den Protagonisten. Doch von allen erfährt man zunächst wenig, so wie sie auch untereinander wenig miteinander kommunizieren. Es ist ein stilles Unterfangen, denn die Kunden sind schließlich tot. Kachelbad, ein älterer Mann und Rosary, eine jüngere Frau sind Angestellte von Lee Won-Hong, dem das Kryonische Institut „Exit U.S.“ gehört. Sie arbeiten meist zusammen, holen die Leichen ab und bringen sie in Eis gepackt in die mit flüssigem Stickstoff gefüllten Behälter. Warum Kachelbad gerade Rosary für diesen Job angeworben hat, erklärt sich in der Entdeckung, dass sie das gleiche Talent hat wie er. Es ist die Kunst zu verschwinden, unsichtbar zu sein. Mit Kachelbads Hilfe erlernt sie die Methode, für die nicht jeder begabt ist.

„Ich spürte, wie ich dem Verschwinden immer näherkam, spürte ein Kitzeln in meinem Körper. Wie Kachelbad gesagt hatte, ging es bei der gewählten Unsichtbarkeit um eine Geisteshaltung. Ich schien im Begriff, dieses Denken in ein Handeln umzusetzen.“

In weiteren Kapiteln werden uns die „kalten Mieter“ des Tank C 87 vorgestellt. Es sind alles skurrile Gestalten mit tragischen Lebensgeschichten. Was alle vereint, ist die unter gewissen Umständen entstandene Fähigkeit zur willentlichen Unsichtbarkeit.

„Kallmann gelang zu der Überzeugung, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seien simultane Zeitebenen, die das menschliche Gehirn jedoch nicht in ihrer Simultanität auffassen könne, was im Bewusstsein dazu führe, dass es zu einer stetigen Selbstverortung des Individuums in der Gegenwart komme …“

Im dritten Teil erfahren wir, dass Kachelbad die Firma nach dem plötzlichen Tod seines Chefs Lee Won-Hong weiterführt. Dafür ist der junge Asiate Kim an seiner Seite, ein zukünftiger kalter Mieter, der unsichtbar nach LA gelangt und von Kachelbad aufgenommen wird. Kim ist ein spezieller Fall, denn er erinnert Kachelbad an eine tiefe Liebe und an den Schmerz des Verlusts. Doch das Unternehmen droht Konkurs zu gehen. Die Finanzen werden immer knapper. Die teuren Unterhaltskosten für die Tanks mit den kalten Mietern werden bald unbezahlbar. Kachelbad nutzt seine Unsichtbarkeit notgedrungen, um illegal Geld zu beschaffen, doch ein neugieriger Reporter ist ihm auf de Spur. Eine Naturgewalt in Form eines Erdbebens enthebt Kachelbad dann von seinen Verpflichtungen. Er kann sich retten und verschwindet …

Im letzten Teil schließlich, dass aus den Tagebüchern eines jungen Mannes aus New York aus den Jahren 1979-87 erzählt, erfahren wir dann auch mehr aus Kachelbads Vergangenheit. Es ist sehr persönlich geschrieben in der Ich-Form. Der junge Mann ist drogenabhängig, beschafft sich Geld dafür als Stricher. Als er auf Kachelbad trifft, ändert sich sein Leben. Kachelbad hilft im clean zu werden. Sie werden ein Paar. Es ist die Anfangszeit von AIDS, damals noch GRID genannt, weil man glaubte, es wäre die Krankheit der Schwulen. Kachelbad lebt bei dem schrulligen Schriftsteller Krekov. Krekov, der höchst klug über Sinn und Unsinn der Sprache überhaupt philosophiert, wird der erste zukünftige kalte Mieter, den Kachelbad betreut.

„Und was heißt das eigentlich: Sprachlosigkeit? Es bedeutet doch, dass dem Menschen etwas begegnet, das er nicht in Worte fassen kann. Vor Glück, weil es seine Vorstellungskraft übersteigt, die ja durch die Worte begrenzt ist – oder weil das Erleben so unfassbar ist, dass die Sprache dafür einfach nicht mehr ausreicht.“

Gerade dieses fast letzte Kapitel, dass so viel Licht und Liebe, das Entschleunigung und Bewusstsein in die Geschichte bringt, endet, wie könnte es anders sein, mit dem Exitus.

Einen wundersamen, furiosen Erzählreigen fächert Otremba hier auf. Kachelbads Erbe ist ein vielschichtiges, eindringliches Buch. Ein Ereignis jagt das andere, teils unerklärlich, geisterhaft, obwohl es irgendwie gleichzeitig ein stiller, nachdenklicher Roman ist. Der Held Kachelbad scheint, wie auch Katze „Zettel“ mehr als sieben Leben zu haben. Otrembas Roman ist klug und genial konstruiert, hebt sich so ganz ab von manch vorhersehbaren Titeln dieses Herbstes. Dass er nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, ist enttäuschend. Ich wünsche ihm jedenfalls viele Leser und viel mehr Aufmerksamkeit. Es ist ein Buch, dass still leuchtet, aber sehr hell!

Der Roman des 1984 geborenen, in Berlin lebenden Hendrik Otremba erschien im Hoffmann & Campe Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

2 Gedanken zu “Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe Hoffmann und Campe

  1. Ein ganz spannendes Thema. Den Titel behalte ich im Kopf, habe DeLillos Roman schon im Regal stehen. Den wollte ich immer mal lesen, vielleicht ein guter Aspirant für meine Backlist-Reihe. Vielen Dank für Deine wundervolle Besprechung. Viele Grüße nach Berlin

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