Norbert Gstrein: Als ich jung war Hanser Verlag

Ein Roman über einen Tiroler Skilehrer in Wyoming, USA? Kann das was werden? Obwohl ich den 1961 geborenen österreichischen Autor Norbert Gstrein mit seinem letzten Roman „Die kommenden Jahre“ für mich entdeckte, war ich skeptisch. Doch das Lesen hat sich gelohnt. Gstrein ist einer der unspektakulären und gerade deshalb ausgezeichneten Schriftsteller, wie etwa Ralf Rothmann, Karl-Heinz Ott oder Christoph Hein, die mit leisen, aber sehr tiefen Tönen punkten und die sich ihrer Sprache absolut sicher sind. So schafft es Gstrein auch in „Als ich jung war“ mich als Leserin zu gewinnen. Sein Roman ist wie ein steter fließender Fluß, dessen Untiefen jedoch nicht zu umgehen sind.

Franz fotografiert schon im Jugendalter auf Hochzeiten, die sein Vater in seinem Hotel und Restaurant ausrichtet. Wir sind in den Tiroler Bergen und die „Hochzeitsfabrik“ boomt. Später, als Franz schon studiert, wird er noch zweimal aushilfsweise vom Vater engagiert und beide Male sind für Franz prägend, denn einmal trifft auf er ein anziehendes junges Mädchen und einmal kommt die Braut zu Tode. Die Eltern des Mädchens lassen keinen Kontakt mehr zu und der Todesfall hetzt ihm den ermittelnden Kommissar auf den Hals, der klären will, ob es Mord oder Selbstmord war. Kurz darauf reist Franz in die USA, wo er in Wyoming seine „Karriere“ als Skilehrer startet. Für Außenstehende und die Zurückgebliebenen sieht es beinah aus wie eine Flucht. Dass er dort ganze 13 Jahre verbringen wird, ahnt er selbst nicht.

Franz ist ein Träumer, er ist und bleibt eine Art Außenseiter in der kleinen Stadt Jackson, hat keine Freundin und haust in einem billigen Apartment. Er fotografiert nun als Hobby Landschaften und ist trotz seiner Arbeit in der Skischule von den Geldsendungen seines Vaters abhängig. Schnell findet er in einem älteren Professor der Atomphysik einen Stammgast, der nur von ihm unterrichtet werden will. Der Professor ist eine merkwürdige Figur, noch mehr Außenseiter als Franz und doch werden beide Freunde. Der Professor erzählt ihm aus seiner Biografie. Franz ist zurückhaltender, berichtet aber eines Tages doch von Sarah, dem Mädchen auf der Hochzeit, dass er damals verliebt geküsst hat.

Erst viel später erfährt der Leser, dass jene Sarah gerade mal 13 Jahre alt war und der 24-jährige Franz sie trotz ihres „Nicht!“ geküsst hat. Auch der Professor ist nicht der, der er vorgab zu sein, zumindest nicht nur. Nach dessem überraschenden, inszeniert wirkenden Selbstmord auf der Piste, taucht ein seltsamer Briefwechsel auf, taucht sogar eine Ehefrau auf, die der Professor nie erwähnt hatte. Von ihr erfährt Franz nun eine Geschichte, die den Professor in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Die dunkle Seite, die kaum einer kennt und die jeder in sich trägt.

„Er fragte mich, wovor ich Angst gehabt hätte, und ich wusste im selben Moment, dass es sich noch ganz anders verhielt, als er behauptet hatte, nämlich dass nicht nur jeder Mensch wenigstens eine Geschichte in seinem Leben hatte, von der er nicht wollte, dass jemand anderes sie zu hören bekam, sondern dass es auch Geschichten gab, die man nur erzählte, um andere Geschichten nicht erzählen zu müssen.“

Als Franz kurz darauf nach einem Skiunfall wieder in seine Heimat zurückkehrt, stellt er fest, wie wenig sich seitdem dort geändert hat und auch der Kommissar taucht wieder auf und stellt neugierige Fragen, die Franz nicht ganz unberührt lassen, obwohl er stets so tut …

In Gstreins Roman kommen viele verstorbene oder verschwundene Menschen vor, geht es um Wahrheit und Erfindung und die Frage, ob man einen anderen Menschen je genau kennen kann, ja gar sich selbst. Es geht um Selbstbild und Fremdwahrnehmung, um Täuschung und Schuld. Gstrein spricht viele aktuelle Themen an, wie etwa Kindesmissbrauch und die Me too-Debatte, lässt dabei aber alle Fragen offen und viel Raum für eigene Gedanken dazu, was ich sehr geschickt finde. Es freut mich, dass dieser Roman zumindest für den österreichischen Buchpreis nominiert wurde.

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Mehr über Roman und Autor gibt es auf der Verlagsseite.

Eine weitere Besprechung zu Gstrein:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/04/27/norbert-gstrein-die-kommenden-jahre-hanser-verlag/

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