Jon Fosse: Der andere Name Rowohlt Verlag

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Welch kostbare Lektüre! Welch Leuchten!

Von Jon Fosse, dem großen norwegischen Dramatiker, Lyriker und Romanautor, ist der erste Band seines auf 7 Bände angelegten Werks erschienen. Wie immer hat Hinrich Schmidt-Henkel brillant übersetzt, was bei Fosses Sprachduktus sicher alles andere als einfach ist. Andererseits erkennt man Jon Fosses Werk anhand dieser Sprachmelodie zumindest bei seinen Romanen sofort heraus. Ich bin auch gerade wegen dieser reduzierten, meditativen Sprache große Liebhaberin seiner Bücher und Stücke.

Jon Fosses „Ein anderer Name“ auf einen bestimmten Inhalt festzulegen, ist schwierig. Es gibt sicher wenige Autoren, bei denen das Werk so wenig plotorientiert ist. Die Geschichte lebt von der einfachen Sprache mit einer einzigartigen Rhythmik mit vielen refrainartigen Wiederholungen, die das Geschriebene trägt. Fosse selbst nennt es „Langsame Prosa“, was es ziemlich gut trifft. Was einem nicht-Fosse-Kundigen anfangs befremdlich scheint, wird im fortgeschrittenen Lesestadium zu einem einzigen Fluß ohne Halt, zu einer Reise durch Raum und Zeit (Fosses Roman hat keine Kapitel, keinen Punkt, nur Kommas – ein einziger langer Satz! Ich liebe es!). Fosse verhandelt hier die ganz großen Themen wie Liebe und Tod in einer Weise, wie sie nur im Kleinen, in den ganz einfachen Dingen des Lebens zu finden sind.

„ja, seltsam, denn groß ist die Entfernung nicht, der Abstand zwischen den Lebenden und den Toten, obgleich diese Entfernung unüberwindlich wirken mag, ist sie es nicht,“

Es geht um einen Maler, der seit seine geliebte Frau gestorben ist, allein in seinem alten Bauernhaus lebt, recht erfolgreich ist mit seinen Bildern, die ein Galerist in Bergen (Fosse schreibt den alten Stadtnamen Bjorgvin) für ihn verkauft. Beinahe der einzige mit dem er freundschaftlichen Kontakt hat, ist sein Nachbar, ein Fischer und Landmann, der ihm oft mit Arbeiten in Haus und Hof hilft. Ihre Gespräche bestehen fast immer aus den gleichen Themen. Keiner versteht so richtig die Lebensart des anderen und doch verbinden sie diese ritualartigen Treffen auf ganz eigene Weise. Der kleine Hund Brage, der unverhofft in des Malers leben auftaucht, ist mir durch Fosses zarte Beschreibung sofort ans Herz gewachsen.

„ich bin nie besonders gern bei Leuten zu Hause gewesen, dafür war ich immer zu schüchtern, ja mir ist dann, als ob ich etwas tun würde, wozu ich kein Recht habe […] als ob ich ihr Leben stören würde oder jedenfalls selbst gestört würde von ihrem Leben, das sich mir aufdrängt, ja als ob ich vom Leben der anderen ausgefüllt würde,“

Ab und an fährt der Maler nach Bergen und bringt neue Bilder, erledigt Einkäufe oder besucht einen Freund, bei dem es sich womöglich um ein Alter Ego des Malers selbst handelt. So ganz klar wird es nie, denn die Geschichte spielt letztlich auch außerhalb einer sicheren Realität, vielleicht in einem bewusstseinserweiternden Raum oder auf einer (oder mehreren?)Meta-Ebene. Darauf weist einiges hin, denn der Maler versinkt oft in Erinnerungen, die sich recht bildhaft zeigen. Hier verwischen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. Personen verwandeln sich oder finden sich gedoppelt.

In den Erinnerungen zeigen sich prägende Kindheitsszenen: Der Maler Asle hat schon als Junge so gut gezeichnet, dass er seine Bilder an Nachbarn verkaufen konnte. Der gute Bekannte Asle, der den gleichen Namen wie der Maler trägt, hat bereits in seiner Kindheit Tod und Missbrauch erlebt und fühlte sich schuldig, weil er die Verbote der Mutter missachtete.

Am schönsten sind die Szenen, in denen der Held von seiner Herangehensweise an das Malen seiner Bilder, ausschließlich Öl auf Leinwand, erzählt: Dazu gehört meditatives Sitzen und Eintauchen in das Bild, oft im Dunkeln, weil er im Dunkeln das Leuchten, das Licht in den Bildern erkennt. Dann sind seine Bilder gelungen, wenn sie, zumindest für ihn dieses Licht im Dunklen haben. Und das bringt er durch den Verkauf der Bilder hinaus in die Welt …

„und manchmal sorgt nur ein einziger Strich dafür, dass das Bild so sprechen kann, und das ist nicht zu begreifen, denke ich, und, denke ich, so ist es auch mit der Dichtung, die ich gern lese, nicht dass es wichtig ist, was über dies oder das gesagt wird, sondern etwas anderes, etwas das stumm in und hinter den Sätzen spricht“

Für mich ist der Roman eine Hommage an die Einfachheit, die Hingabe und ein zutiefst spirituelles, mystisches Buch. Ein Leuchten, ölbildfarbenes Leuchten!

Der Roman „Der andere Name“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich freue mich schon auf den nächsten Band, der hoffentlich bald übersetzt ist. Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Weitere Besprechungen auf dem Blog zu Jon Fosses Roman „Trilogie“ und zu dem wunderbaren Gedichtband „Diese unerklärliche Stille“:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/05/27/jon-fosse-trilogie-rowohlt-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/03/12/jon-fosse-diese-unerklaerliche-stille-verlag-kleinheinrich/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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