Eva Maria Leuenberger: dekarnation Literaturverlag Droschl

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Auf dem Lyrik-Debütband der 1991 in Bern geborenen Eva Maria Leuenberger schlängelt sich das Skelett eines Fisches(?) über das Cover. Es könnte mit zarter Pastellkreide gezeichnet sein, könnte aber auch schlichtweg eine Röntgenaufnahme sein. So passt das Cover stimmig zum Titel und weist bereits auf die zu erwartenden Gedichte hin.

Auf wikipedia finde ich folgende Beschreibung des Wortes Dekarnation:

„Die Dekarnation(„Entfleischung“) oder Exkarnation(„Ausfleischung“) bezeichnet in der Archäologie und der Ethnologie(Völkerkunde) alle Vorgänge, durch die ein menschlicher Leichnam oder ein Tierkadaver von allen Weichteilen befreit wird, so dass nur die Knochen und bei Tieren auch das Geweih oder die Hörner übrig bleiben. Verschiedene Techniken der Dekarnation wurden und werden als Teil von Bestattungsritualen angewendet; das reicht vom Auslösen mit Messern, Verwesenlassen und Wiederausgraben bis hin zum Aussetzen als Fraß für Vögel.“

Sehr einladend klingt das zunächst nicht, doch schon beim Lesen des ersten Gedichtes, weiß ich dass mir hier etwas Existentielles angeboten wird, etwas was mich brennend interessiert. Wer sich nicht scheut, mit der Vergänglichkeit in Berührung zu kommen, ist hier willkommen. Das, was letztlich uns alle betrifft, bereits zu Lebzeiten wahr zu nehmen, zu integrieren, sich damit zu beschäftigen, ist keine allzu schlechte Idee.

„du bist nichts als zeit die fest
wird und zerrüttet
/ ein bröcklig gewordener ton
der zittert und bricht /“

Es beginnt im Kapitel eins alles noch sehr idyllisch in einem „Tal“, an einem Bach. Ein Mensch, erwacht, ein lebendiges Wesen berührt das Wasser, das Moos, sieht das Reh, den Vogel, den Himmel, den Himmel gespiegelt im Wasser. Das Lebewesen steht auf und geht … und wer weiß, ob es dann noch ein lebendiges Wesen ist oder der Versuch einer Auferstehung, am Ende gar Wiedergänger? Ein Naturgeist? Eine Moorleiche? Befinde ich mich in einem dystopischen Szenario?

Was Leuenberger hier in kraftvolle und doch feine Poesie übersetzt, ist ungewöhnlich und gefällt mir sehr. Naturgedichte? Ja. Aber es ist keine liebliche Natur, die in den vier Kapiteln „ Tal, Moor, Schlucht, Tal“ genannt, auftaucht. Es ist eine wilde unnachgiebige Natur, die sich ihr Reich zurückerobert. Die Verstorbenen werden vom Moor umschlungen und bleiben. Und werden lange lange Zeit später selbst wieder Moor. Wie kurz doch ein Menschenleben ist! Wie klein der Mensch im Großen Ganzen.

„dort, wo der see zu moor wird
gibt es keine zeit
ein moor und ein körper
heißt unendlichkeit“

Im zweiten Kapitel „Moor“ wird es dann klar, dass es sich um Moorleichen handelt. Mann Tollund und Frau Elling sind zwei tatsächlich in Dänemark im Moor gefundene Menschen. Erhalten noch Knochen und Haare. Dekarniert von der Natur selbst.

Leuenbergers Gedichte, eigentlich ist es ein einziges langes Gedicht, sind von einem einzigartigen Rhythmus geprägt. Ich muss an klassische englische Naturdichter denken, wobei hier alles extrem verknappt gehalten ist, keine Ausschweifungen, nur die Klarheit und Direktheit der Natur. Mehr braucht es nicht. So ist es sogar eindringlicher und zwischendurch geradezu unheimlich. Im Anhang lese ich, dass die Lyrikerin sich mit Emily Dickinson („vielleicht ist sehnsucht ein weißes Kleid“) und Anne Carson beschäftigt und diese auch einige Male zitiert.

Das dritte Kapitel, „Schlucht“ überschrieben, hebt sich durch die Gestaltung, die Einteilung der Verse ab. Enorme Zeilensprünge, Einrückungen, viel Leerraum dazwischen. Hier befindet sich ein Wesen, eine denkende fühlende Kreatur auf dem Weg durch Raum und Zeit, befindet sich womöglich bereits im Übergang in eine andere natürliche Daseinsform.

„und vor dir
wartet die schlucht

der anfang der nacht dringt
durch die zweige du weißt
niemand wartet auf dich
du weißt es und trotzdem
suchst du die bäume ab“

Im letzten Kapitel kehrt alles zurück, bewegt, verwandelt und so schließt sich der Kreis. Anfang und Ende unabwendbar das „Stirb und werde“.

In einer erweiterten Sichtweise finde ich das Dasein in einem Körper, der nicht mehr funktioniert. Geht es um Krankheit, Schmerz? Eher noch um den Tod. Leuenbergers Gedichtzyklus könnte ein Memorandum des Sterbens sein. Ein/e Sterbende/r erzählt, Körpervorgänge im Focus. Es kann aber auch die Beschreibung eines alten Horrorfilms sein: „das Bild knistert“. Es könnte der Weg Dantes ins Inferno sein. Es kann ein Traum sein. Ein Alptraum. Eine Vision.

„einmal reißt der nebel ein
und die luft dringt durch –
stille taut auf und wasser:
tropft die worte weich“

Aber vielleicht ist es alles ganz anders. Möge jede/r sich selbst ein Bild machen. Und Bilder gibt es ausreichend, sie entstehen sofort. Und es darf auch ein Geheimnis bleiben. Fragen dürfen bleiben, blieben mir noch tagelang … So oder so ist dieser Gedichtband in meinen Augen ein kleines Wunder.

Diese Rezension erschien zuerst am 14.8. auf dem Hotlistblog.

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