Tomas Espedal: Das Jahr Matthes & Seitz

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„Ich bin gereist um den Canzoniere
hier zu lesen wo die Gesänge an Laura geschrieben wurden
in Avignon und dem Vaucluse-Tal hier in dem Haus den Bergen
und nicht zuletzt an dem Fluss“

Schon seltsam, dass ich das neue Buch von Tomas Espedal als das am wenigsten poetische all seiner Bücher empfinde, obwohl gerade dieses in Form eines Langgedichts geschrieben ist, vermutlich in Anlehnung an Petrarcas Canzones, um die es im Inhalt oft geht. Okay, es ist Enttäuschung auf hohem Niveau, aber es ist nun mal so, dass ich sehr wenig Anstreichungen machte, sehr wenige Sequenzen mich tief berührten(wie sonst immer). Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich es einfallslos finde, dass sich Espedals Buch nun auch um die Jahreszeiten dreht, zumindest in den Kapitelnamen, wo doch Knausgård auch schon einen „Jahreszeitenzyklus“ veröffentlichte. Oder ist es, weil ich das Liebesglück und vor allem aber das ganze Liebesleid schon aus dem Buch „Wider die Natur“ kenne?

Seis drum. Espedal wandelt auf den Spuren des Renaissancedichters Francesco Petrarcas in Südfrankreich umher, besucht dessen Haus in Fontaine-de-Vaucluse und besteigt den Berg Mont St. Ventoux, und zwar auf den Tag genau zur selben Zeit wie dieser, nur Jahrhunderte später. Er hat die Canzonieres gelesen, 366 Gedichte, überwiegend an Laura gerichtet, die unerreichbare Liebe seines Lebens, die er in seiner Dichtung verewigte und Espedal will es ihm gleich tun.

„Ein Leben ohne Bücher ist ein totes Leben
schreibt er
und berichtet in seinen Briefen von der Gartenarbeit
von Wanderungen in den Bergen
von Jagd und Fischen
von den nächtlichen Gängen am Fluss entlang:
Wer ein zu hastiges Leben lebt der lebt nicht
schreibt er“

Sucht die Einsamkeit, beklagt die verlorene Liebe und verbindet diese Reise als Kontrast mit Lesungen in Arles und Montpellier. Am Ende dieser Reise trifft er seinen Vater in Barcelona, mit dem er von dort aus eine Kreuzfahrt antreten wird.

Tatsächlich ist der Teil der Reise mit dem Vater auch der interessanteste. Gerade die Gespräche der beiden über Espedals Mutter, die die einzige Liebe des Vaters blieb und nach deren Tod er kaum mehr Lebensfreude hat. Hier zeigt sich dann unerwartet, dass der Vater während der Reise auflebt und im Gegensatz zum Sohn immer kontaktfreudiger wird. Der Sohn fühlt sich immer kleiner, immer gefangener, zieht sich zurück. Die Schiffsszenen sind für mich die stärksten des Buches, es ist der Teil, der berührt, der Teil, bei dem der schreibende Espedal wieder zu guter Form aufläuft.

„Das Alter ist ein lebender Tod, sagt er.“

Immer ist viel Alkohol im Spiel, auch zuhause wieder, wo der alles überragende Liebeskummer weitergeht. Da wird morgens schon Wein flaschenweise konsumiert, da wird gehadert und innerlich gewütet. Nun ist der neue Geliebte der Ex im Focus, ausgerechnet ein Freund des Protagonisten. Wie der Vater, vielleicht auch wegen ihm, hatte Espedal den Boxsport betrieben. Reichlich kindisch und unreflektiert trinkt er sich Mut an und will dem neuen Liebhaber in Oslo auflauern und ihn verprügeln. Glücklicherweise taucht in dieser Situation Janne auf und der Verlassene kriegt sich dadurch wieder ein. Wahrscheinlich kann man beim Lesen dieser Zeilen merken, wie mich die ewigen Liebesklagen letztlich genervt haben. Zum ersten Mal ein Buch von Espedal ohne Leuchten. Schade!

Fehl am Platz finde ich tatsächlich auch die Gedichtform dieses Textes (und nicht alle Gedichte sind komplett ohne Interpunktion, wie es hier fast durchgängig der Fall ist). Gerade im letzten Teil, wo wirklich nur biographisch erzählt wird und wenig Poesie vorherrscht.

Bleibt zu warten, wie es mit den nächsten Büchern des Autors weitergeht. Definitv empfehle ich aber weiterhin alle vorherigen Bücher, allen voran „Gehen oder die Kunst ein wildes poetisches Leben zu führen“. Zu meinen Besprechungen:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/05/12/tomas-espedal-bergeners-matthes-seitz-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/07/10/tomas-espedal-biografie-tagebuch-briefe-matthes-seitz/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2015/08/28/tomas-espedal-wider-die-kunst-matthes-seitz-verlag/

Eine weitere Rezension zu „Das Jahr“ gibt es bei Literaturreich.

Wie alle Bücher von Espedal erschien auch „Das Jahr“ im Matthes & Seitz Verlag. Wie bei allen Büchern hat Hinrich Schmidt-Henkel ausgezeichnet übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

4 Gedanken zu “Tomas Espedal: Das Jahr Matthes & Seitz

  1. Ich teile alle deine Vorbehalte, besonders bezüglich des Protagonisten. Dennoch fand ich das Buch sehr faszinierend, wahrscheinlich, weil es mein erstes von Espedal war und ich den Vergleich nicht so vor Augen hatte. Was würdest du mir denn als „Must Read“ von ihm dringend ans Herz legen? Liebe Grüße!

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